Tausend restriktive Jahre (ab dem 4. Jh. n. Chr.)6

Im spirituellen Vakuum des auseinanderdriftenden Römischen Reiches begann mit der Konstantinischen Wende (313) eine seltsame Allianz zwischen dem Sklavenhalterstaat und dem Christentum. Je mehr die Lehre der Gewaltlosigkeit, Solidarität und Barmherzigkeit Bestandteil des Römischen Reiches wurde, umso mehr entwickelte sie sich zu einer totalitären Herrschaftsideologie. Spätestens mit dem Dreikaiseredikt „Cunctos populos“ im Jahr 380, als das Christentum offiziell zur Staatsreligion des Römischen Reiches avancierte, ist man mit einer Kirche konfrontiert, welche bereit ist, die Leitlinien des Glaubens dank ihrer Vormachtstellung skrupellos durchzusetzen. Im Dreikaiseredikt „Cunctos populos“ wurden alle für „wahrhaft toll und wahnsinnig“ erklärt, die dem Glauben der Trinität nicht folgten. Sie hatten „die Schande ketzerischer Lehre zu tragen“, was „göttliche Vergeltung“ und weltliche „Strafgerechtigkeit“ mit sich zog.7

Die gesetzlich verankerte Legalisierung der Gewalt bei abweichender Weltanschauung führte schon fünf Jahre später zu den ersten Ketzerhinrichtungen innerhalb des Christentums. Priscillian (340–385), Bischof von Ávila, forderte im Namen Jesu die Abschaffung der Sklaverei und nahm Frauen als gleichberechtigt in seine religiöse Bewegung auf. Vor allem die von ihm geforderte asketische Lebensführung (Enthaltsamkeit von Fleisch, Alkohol und Sexualität) störte viele Bischöfe, die inzwischen oft aus der römischen Oberschicht kamen und weiter ein luxuriöses Leben führen wollten. Die Anklage gegen Priscillian lautete Zauberei, unzüchtige Orgien und gnostischer Dualismus.8 Mit der Enthauptung des Bischofs und sechs seiner Anhänger begann im Namen des Christentums eine Gewaltspirale, die sich nicht nur gegen religiöse Abweichler, sondern auch gegen die letzten Bastionen der paganen Kultur richtete. (Eins der traurigsten Beispiele ist in diesem Zusammenhang der brutale Lynchmord fanatisierter Mönche an Hypatia, der 60-jährigen Philosophin aus Alexandria im Jahr 415.)

Die im Namen des Glaubens entfesselte Gewalt, welche in Pogromen, Verdrängung zahlreicher religiöser (auch urchristlicher) Gruppen und später in Kreuzzügen, Inquisition und Hexenverfolgung kulminierte, unterbrach auch die auf 1.000 Jahre philosophische Tradition zurückblickende Praxis der tierleidfreien Ernährung. Im Zuge einer strikten ideologischen Abgrenzung von der religiösen Konkurrenz wurde auf der 1. Synode von Toledo im Jahr 400 unter Papst Anastasius I. der erste Bannfluch gegen Vegetarier ausgesprochen:

„Wer sagt oder glaubt, man müsse sich vom Fleisch der Vögel oder des Viehs, das zur Speise gegeben ist, nicht nur um der Züchtigung des Leibes willen enthalten, sondern es verabscheuen, der sei mit dem Anathema belegt.“ (Denzinger & Hünermann, 2014, S. 89, Lehrsatz Nr. 207)

Etwa zeitgleich nahm „der größte lateinische Kirchenlehrer des Altertums“ (Hinterhuber, 2001, S. 92), Augustinus von Hippo (354–430), die Arbeit an seinem theologischen Hauptwerk De Trinitate auf.

„Durch die Sünde wird der Mensch dem Tiere ähnlich“ – lautete der programmatische Titel des 11. Kapitels im Buch 12. Darin konstruiert Augustinus eine plumpe moralische Skala, an deren unterem Ende sich das Tier und an deren oberem Ende sich Gott befindet. Zwischen diesen Endpunkten verortet er den Menschen. Je mehr dieser sich durch sündiges Verhalten von Gott entfernt, umso näher rückt er zum Tier: „seine Ehre [ist] das Gleichnis Gottes, seine Unehre die Ähnlichkeit mit dem Tiere.“ (De Trinitate, Buch 12, Kap. 11)

Ein zentraler Teil der Vorstellung von der moralischen Minderwertigkeit der Tiere war die Überzeugung, dass ihre Seelen, im Gegensatz zu denen der Menschen, sterblich sind. Denn nur die regelmäßige innere Einkehr und die Abwendung von den sinnlichen Dingen können die Rettung der Seele bewirken. Tieren aber fehlt die Vernunft für die Gottesschau und somit auch die Grundvoraussetzung fürs Empfangen der göttlichen Gnade. Durch die vermeintliche Ermangelung an Vernunft sah Augustinus beim Tier unter dem Strich nur die für den Menschen so gefährliche sinnlichtriebhafte Seelensubstanz, die ihn weg von Gott führt und daher Inbegriff der Sünde ist.

Die Vorstellung von der moralischen Minderwertigkeit und Sündhaftigkeit der Tiere prägte nachhaltig das mittelalterliche Denken. Das Konzept vom Selbstwert des tierischen Lebens wurde von der Theologie ausgehebelt. Mit göttlicher Legitimierung erfüllten die Tiere durch ihre Nützlichkeit als Zugtier oder als Nahrung sogar eine höhere Bestimmung – ein trauriger Rückfall hinter den vielfältigen Diskurs in der Antike.

Der päpstliche Bannfluch gegen Vegetarier wurde auf der 1. Synode von Braga im Jahr 561 erneuert; sie galten also weiterhin als Häretiker (Denzinger & Hünermann, 2014, S. 195, Lehrsatz Nr. 464). Hiervon ausgenommen wurde wieder die oben besagte „Züchtigung des Leibes“, welche in einigen Mönchsorden erwartet wurde. Das Ziel der mittelalterlichen Fastenpraxis bestand in Buße, Stärkung der Abgeschiedenheit von der Welt und in der Eindämmung der animalischen Triebe, die vermeintlich durchs Fleisch übertragen wurden. Das Weglassen von Fleisch als Teil der mittelalterlichen Askese führte vermutlich häufig zu einer noch schlechteren Versorgung mit Nährstoffen und daher tatsächlich zu einer Schwächung des Körpers. Tierethische Argumente spielten bei der Begründung der sehr heterogenen, meist nur temporären Fastenpraxis keine Rolle.9

Einige Quellen aus der Zeit der großen religiösen Laienbewegungen belegen, dass die grundsätzliche Fleischablehnung, die in ihrer Motivation über die Züchtigung des eigenen Leibes hinausging, auch noch fünf Jahrhunderte später als häretisch wahrgenommen wurde.

Über die Ketzer von Goslar, die auf den Befehl des Kaisers Heinrich III. im Jahr 1052 gehängt wurden, schrieb der Benediktiner Hermann von Reichenau (1013–1054), dass sie „außer anderen schlimmen Irrlehren der manichäischen Sekte den Fleischgenuss verabscheuten“ (Herse, 1935, S. 139).

Worin die anderen schlimmen Irrlehren bestanden, ist dagegen nicht dokumentiert (ebd., S. 139). Im gleichen Zusammenhang begrüßte der Chronist Anselm von Lüttich (972–1008) die Exkommunikation der Ketzer, fand aber deren Hinrichtung, nur weil sie sich dem Befehl des Bischofs widersetzten, Hühner zu töten, unangemessen (Spencer, 1993, S. 163).

Der Benediktiner Eckbert von Schönau (um 1120–1184) führte etwa hundert Jahre später Vernehmungen mit zu Tode verurteilten Katharern im Rheinland durch und verfasste später dreizehn Predigten gegen sie (Sermones contra Catharos). An zweiter Stelle von insgesamt zehn häretischen Tatbeständen nannte er deren Fleischabstinenz (ebd., S. 166).

In Südfrankreich gab es um das Jahr 1200 für die zum Schoße der Kirche zurückkehrenden Waldenser eine verbindliche Bekenntnisformel, welche sogar in die katholische Dogmensammlung aufgenommen wurde. Etwa in der Mitte des mehrere Seiten umfassenden Textes wird den Vorbehalten gegen den Fleischverzehr abgeschworen:

„Carnium perceptionem minime culpamus. Den Genuss von Fleisch missbilligen wir nicht im Geringsten.“ (Denzinger & Hünermann, 2014, S. 330, Lehrsatz Nr. 795)

Die bereits von Eckbert von Schönau verfolgten Katharer gelten als die stärkste religiöse Gegenströmung des Mittelalters. Sie vertraten eine dualistische Form des Christentums, nach der in der Welt ein Kampf von Licht und Finsternis herrscht. Es sind zwei Gründe überliefert, warum die fast vegan lebenden Katharer den Verzehr sowie Nutzung von Tieren und tierischen Erzeugnissen ablehnten. Zum einen galten für sie die Zeugung und ihre Produkte als Teufelswerk. (Da sie Fische als Schöpfung durch Spontanzeugung aus dem Wasser ansahen, waren diese von den Speisevorschriften der Katharer ausgenommen – daher fast vegan.) Zum anderen glaubten sie, dass sich in den Körpern von Tieren die Seelen von verstorbenen Menschen aufhielten.10 Die Katharer zählen zur mittelalterlichen Armutsbewegung. Dank ihrer Popularität breitete sich ihre Lehre ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von Südfrankreich schnell nach Westeuropa aus. Sie wurden auf mehreren Konzilen verurteilt und exkommuniziert. Aufgrund ihrer Unbeugsamkeit kam es zum sogenannten Albigenser-Kreuzzug (1209–1229), zu dessen Auftakt die gesamte Bevölkerung der Stadt Béziers getötet wurde (insgesamt ca. 20.000 Menschen). Nach wiederholten Massenverbrennungen (bis zu 400 Menschen) gelang es schließlich am Anfang des 14. Jahrhunderts, die Bewegung zu vernichten.

Das ist etwa der grobe Rahmen, in dem Leonardos Vegetarismus zu sehen ist. Nach bisherigen Erkenntnissen ist Leonardo nicht nur der erste vegetarische Denker der Neuzeit, sondern überhaupt der erste bekannte Denker, der sich nach ca. 1.000 Jahren gewaltsamer Zäsur für eine weitgehend tierleidfreie Ernährung entschied.