Was bis Leonardo geschah

Für die angemessene historische Verortung von Leonardos Vegetarismus ist ein kurzer Rückblick auf die Geschichte der tierleidfreien Ernährung im europäischen Kulturkreis unerlässlich. Die Zeit vor Leonardo ist grob in zwei Phasen zu unterteilen.


Tausend florierende Jahre (6. Jh. v. Chr. – 4. Jh. n. Chr.)

Vegetarisch lebende Philosophen der Antike begründeten ihre Haltung in der Regel mit einer Kombination von sakralen, ethischen und gesundheitlichen Argumenten, welche im Laufe der Zeit immer differenzierter wurden. Zwar behielt der Glaube an die Seelenwanderung für die Begründung der fleischlosen Ernährung bis zur Spätantike auch unter Philosophen eine gewisse Relevanz, doch die tierethischen Aspekte, welche die Empfindsamkeit und die Intelligenz der Tiere betonten, traten immer deutlicher in den Vordergrund. Die Diskussion ist insgesamt zu facettenreich, um sie an dieser Stelle anzureißen. Stattdessen möchte ich mit einer kurzen Liste von bekannten Anhängern der tierleidfreien Ernährung veranschaulichen, dass es sich um eine kontinuierliche philosophische Tradition handelte.2

  • Pythagoras von Samos (570 v. Chr. – 510 v. Chr.)3
  • Empedokles (495 v. Chr. – 435 v. Chr.)
  • Xenokrates von Chalkedon (395 v. Chr. – 313 v. Chr.)
  • Theophrastos von Eresos (371 v. Chr. – 287 v. Chr.)
  • Polemon von Athen (350 v. Chr. – 270 v. Chr.)
  • Karneades von Kyrene (214 v. Chr. – 129 v. Chr.)
  • Quintus Sextius (1. Jh. v. Chr.)
  • Sotion (Lehrer Senecas, 1. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.)
  • Gaius Musonius Rufus (um 30 – um 100)
  • Apollonios von Tyana (um 40 – um 120)
  • Plutarch von Chaironeia (45 – 125)
  • Plotin (205 – 270)
  • Porphyrios (um 233 – zwischen 301 und 305)

Alle hier genannten Philosophen waren schon zeitlebens hoch angesehene und geistig einflussreiche Persönlichkeiten. Xenokrates zum Beispiel leitete 25 Jahre lang die Platonische Akademie, sein Nachfolger Polemon über 40 Jahre. Theophrastos war etwa zur gleichen Zeit über 35 Jahre Scholarch der anderen großen Philosophen-Schule, des von Aristoteles gegründeten Peripatos, dem unter seiner Leitung teilweise bis zu 2.000 Schüler angehörten.4 Die Annahme, dass es im Umkreis der Philosophen etliche Nachahmer gab, die sich ebenfalls des Fleisches und der sog. blutigen Opfergabe enthielten, erscheint daher nicht abwegig.

Parallel dazu kristallisierte sich ab dem ersten vorchristlichen Jahrhundert immer deutlicher eine religiöse Linie heraus, die das Verspeisen von Tieren ebenfalls ablehnte. Dabei spielten sakrale und asketische Gründe die Hauptrolle. Zu dieser religiösen Linie gehörten (1.) eine Vielfalt an kleineren Sekten und Gruppierungen (Therapeuten, Essener5, Ebioniten, Enkratiten, Mandäer, Montanisten), (2.) größere religiöse Strömungen wie die Marcioniten und Manichäer und (3.) anfänglich sogar Würdenträger der sich noch etablierenden Kirche (Tertullian, Clemens von Alexandria, Johannes Chrysostomos) (Spencer, 1993, S. 117ff.). In der neuen Staatsreligion des römischen Reiches kristallisierte sich jedoch eine tierfeindliche Theologie und Politik heraus.