Bücher

Als zweite Möglichkeit suchte ich in Leonardos Lektüre nach möglichen Inspirationsquellen. Einen ersten Anhaltspunkt boten seine Bücherlisten, die im Laufe der Zeit, auch dank der Verbreitung des Buchdrucks, immer länger wurden. Die letzte von insgesamt drei Listen, die kurz vor Leonardos Abreise aus Florenz im Jahr 1504 entstand, umfasst bereits 116 Bücher. Eine eindeutige Zuordnung ist jedoch aufgrund der knappen Notizen nicht immer möglich (Nicholl, 2015, S. 487ff.). Ich habe mich an der Liste bei Lücke orientiert (Lücke, 1953, S. 899ff.).

a) Ich fand zunächst zwei eher nur „schwache“ Treffer, welche die Pflanzenkost nur beiläufig (1.) bzw. spöttisch (2.) erwähnen. Beide Bücher befinden sich bereits auf einer Bücherliste von 1492.25

  1. Plinius der Ältere (23 n. Chr. – 79 n. Chr.) berichtet im Band XXXV 10, 102 seiner Historia Naturalis vom Maler Protogenes, der, „damit er durch kein Vergnügen seine Sinne betäubte“, sich von Pflanzenkost ernährte, um ein Bild zu vollenden. Im Band XVIII 14, 72 ist von vegetarischen Gladiatoren die Rede, die als Gerstenfresser (hordearii) bezeichnet werden.
  2. Die Philosophen-Biographie (Vitae philosophorum) des Philosophenhistorikers Diogenes Laertios, vermutlich aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert, enthält zwar den Steckbrief bedeutender vegetarischer Philosophen, wie Empedokles, Xenokrates, Polemon, Karneades und Theophrastos, doch nur im Falle der Lehre des Pythagoras wird die Fleischenthaltung auch thematisiert und zwar in abwertender Form, wie auch der folgende Vierzeiler am Ende des Pythagoras-Portraits deutlich macht:
    „Du nicht allein, auch wir verschmähten, Beseeltes zu essen; Wer denn Pythagoras, ißt schließlich lebendes Fleisch? Doch wenn’s gekocht und gebraten und noch dazu gesalzen, Dann ißt im Grunde man nur, was keine Seele mehr hat.“ (Laertios, 2010, S. 386)

b) L’Acerba ist ein Werk von Cecco d’Ascoli (eigentlich: Francesco Stabili, 1269–1327), das sich ebenfalls auf Leonardos Bücherliste von 1492 befand (Lücke, 1953, S. 900 u. 903). Cecco d’Ascoli war Dichter, Arzt, Astronom, Astrologe und Freidenker und die letzten Jahre vor seinem Tod als Professor für Mathematik und Astronomie an der Universität von Bologna angestellt. Er wurde 1327 in Florenz wegen Gottlosigkeit auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

L’Acerba ist in poetischer Form geschrieben und umfasst vier Bücher. Das erste behandelt Astronomie und Meteorologie, das zweite die Einwirkung der Gestirne, Physiognomie, Laster und Tugenden, das dritte handelt von Mineralien und von der Liebe der Tiere (!), das vierte diskutiert eine Reihe von moralischen und physikalischen Problemen und ihre Lösungen. Vom fünften Buch über Theologie ist nur das Anfangskapitel fertig. Cecco d’Ascoli scheint seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus gewesen zu sein:

„Ein Mann von ungeheurer Gelehrsamkeit und von großen und vielfältigen Fähigkeiten, mit einem Wissen, das auf Experiment und Beobachtung beruhte – was ihn alleine schon aus der Schar der Gelehrten jenes Zeitalters heraushebt –, war Cecco seinen Zeitgenossen in mancherlei Hinsicht voraus. Er wusste von metallenen Meteoriten und Sternschnuppen, der Tau war ihm kein Rätsel, versteinerte Pflanzen erklärte er durch Umwälzungen der Erdoberfläche, die zur Bildung von Bergen geführt hatten, er soll sogar den Blutkreislauf erkannt haben.“26
Bild 3: Illustration aus L’Acerba von Cecco d’Ascoli, Handschrift 14. Jahrhundert, Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana.

Bild 3: Illustration aus L’Acerba von Cecco d’Ascoli, Handschrift 14. Jahrhundert, Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana. Autor: Sailko (CC) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:It._sett.le,_cecco_d%27ascoli,_liber_acerbe_etatis,_xiv_sec.,_pluteo_38v_01.JPG

Cecco d’Ascolis Blick auf die Tiere ist für die Zeit untypisch sanft. War Cecco d’Ascoli möglicherweise selbst Vegetarier?

c) Auf einen eindeutigen Treffer stieß ich jenseits der Bücherlisten: „O Zeit, du Verzehrerin der Dinge …“ – lautet eine kurze Passage über die Vergänglichkeit im Codex Atlanticus im Jahr 1480.27 In der Fachwelt gilt es schon lange als Konsens, dass es sich hierbei um ein nicht wörtliches Zitat aus Ovids Metamorphosen handelt.28 Das Original befindet sich im Buch XV 232–236, am Ende das Kapitels Pythagoras (Lücke, 1953, S. 1). In diesem Kapitel ist der schönste Appell der Antike für die gewaltfreie Ernährung enthalten. Eine bereits frühe Kenntnis Leonardos über den Inhalt des gesamten Kapitels dürfen wir daher voraussetzen. Leonardo, der über gute Kenntnisse der antiken Welt verfügte, kannte Pythagoras nicht nur als Vegetarier, sondern auch als vielseitigen Denker und Wissenschaftler. Davon zeugen verschiedene Hinweise, wie zum Beispiel eine Notiz über die pythagoreische Musiklehre im Codex Atlanticus (Lücke, 1953, S. 174 (C.A. 267 r. a)) oder ein kleiner Scherz (s. Anhang 2) über die Seelenwanderung in den Pariser Handschriften.