Bilanz

Dies ist zwar nur ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Fundus der Bücher über Leonardo da Vinci; dennoch erhärtete sich im Laufe meiner Arbeit immer mehr der Eindruck, dass es sich um symptomatische Mängel handelt, die auf das latente Unbehagen der Autoren zurückzuführen sind, sich mit Leonardos Vegetarismus ernsthaft auseinanderzusetzen. So findet auch die markante Bestien-Schelte des Menschen bis heute kaum Beachtung.

Die adäquate Erforschung des Themas muss drei Schritte beinhalten.

  1. Sie beginnt mit der Verortung Leonardos in der Geschichte der tierleidfreien Ernährung. In Ermangelung dessen wurde die Einzigartigkeit von Leonardos ethisch motiviertem Ernährungswechsel bisher in der Regel nicht gesehen.
  2. Daher blieb auch die biographische Erforschung des Themas dermaßen auf der Strecke, dass man nur geringfügig über den Wissensstand von 1883 hinausgekommen ist. So ist man in der Forschung nicht einmal grundsätzlichen Fragen, wie z.B. Hatte Leonardos pflanzliche Ernährung historische Inspirationsquellen? oder Ab wann war Leonardo Vegetarier? gründlich nachgegangen.
  3. In Ermangelung von 1. und 2. können aber auch keine Querverbindungen zu seiner Weltanschauung gezogen werden.

Versuche, seine tierleidfreie Ernährung dennoch beurteilen zu wollen, sind dementsprechend dilettantisch. (Damit meine ich zum Beispiel die Diagnose über Leonardos zerrissene Persönlichkeit, auf der Grundlage vom reflexartigen Gegenüberstellen des Fleischverzichts mit den Entwürfen von Waffen unter gänzlicher Missachtung der Chronologie.) Der Gesamtprozess, in dem der bedeutende ethische Paradigmenwechsel stattfand, wurde bisher nicht erforscht, obwohl dies mit einem relativ geringen Aufwand möglich ist.