Aktueller Forschungsstand

Inzwischen hat sich – zumindest unter Leonardo-Kennern – das Wissen um Leonardos Entscheidung für eine gewaltfreie Ernährung so weit durchgesetzt, dass man um das Thema in einer Biographie nicht mehr wirklich herumkommt. Systematisch erforscht wurde das Thema bisher aber nicht.

a) In seiner renommierten Leonardo-Biographie erwähnt der britische Autor Charles Nicholl Leonardos Vegetarismus beiläufig, als handle es sich um nicht mehr als eine biographische Kuriosität.17 Eine systematische Auseinandersetzung mit dem Thema findet im ansonsten akribisch recherchierten und empfehlenswerten Buch dementsprechend leider nicht statt. Über die Dauer von Leonardos Vegetarismus erhält man nur eine recht vage Auskunft:

„Es gibt keinen Beweis dafür, dass er ein Leben lang Vegetarier gewesen war, doch für sein späteres Leben gilt das sicher.“ (Nicholl, 2015, S. 67)

Was unter späteres Leben zu verstehen ist, bleibt offen. Corsalis Brief, auf den Nicholl verweist, wurde 1516 geschrieben, also nur drei Jahre vor Leonardos Tod.

Auf der Suche nach der Motivation für Leonardos Fleischabstinenz erwähnt Nicholl die von Giorgio Vasari (1511–1574) überlieferte Tierliebe und spekuliert über die enge Beziehung zwischen den Tieren und dem auf dem Land aufwachsenden Einzelkind:

„Seine berühmte vegetarische Lebensweise dürfte Teil dieser Beziehung gewesen sein.“ (Nicholl, 2015, S. 67)

Gegen diese Formulierung kann man schwerlich etwas einwenden; nur reicht sie m. E. als Begründung für einen ethischen Paradigmenwechsel dieser Größenordnung nicht aus. (Nicholl scheint aber den ethischen Paradigmenwechsel nicht zu bemerken.)

Auch wenn Nicholl die Bedeutung des Themas m.E. unterschätzt, bleibt er werteneutral und ordnet passende Fundstücke dem Thema zu. So liefert er den wertvollen Hinweis, dass Tommaso Masini, eine charismatische Persönlichkeit an Leonardos Seite mit vielen Talenten, nach einer Chronik aus Florenz ebenfalls Vegetarier gewesen sein soll.18 (Mehr dazu im nächsten Abschnitt und im Kap. 3.1.)

b) Weit weniger wertfrei ist der Blick des US-Autors Toby Lester auf das Thema.19 Er beschreibt Leonardos Vegetarismus als „völlig exzentrisch für seine Zeit“ (S. 185) und stellt diesen in Kontrast zu seiner Erfindung von Waffen (S. 145f.) sowie zu dem forschungsbedingten Töten eines Frosches (S. 185). Den ethischen Widerspruch hakt Lester unter Verweis auf Leonardos widersprüchliche Persönlichkeit ab:

„So stürzte sich Leonardo ohne Skrupel und mit ungebremster Kreativität ins Studium der Kriegstechnik. Was jene unter seinen Liebhabern nicht so recht wahrhaben wollen, die ihn lieber als nachdenklichen Meister sehen würden […] oder als jenen sanften Vegetarier, der auf dem Markt Vögel nur um des Vergnügens willen kaufte, sie aus ihren Käfigen zu befreien, wie es jedenfalls Vasari berichtet hat.“ (S. 185)

Bei diesem grundsätzlichen Anzweifeln von Leonardos moralischer Integrität begeht Lester jedoch einen gravierenden methodischen Fehler, der uns auch bei den nächsten zwei Autoren begegnen wird: die komplette Vernachlässigung der Zeitschiene. Die einzige von Lester verwendete Quelle, die für Leonardos Vegetarismus einen zeitlichen Anhaltspunkt gibt, ist der Brief von Andrea Corsali aus dem Jahr 1516 (S. 185). Das Töten des Frosches datiert Lester auf das Jahr 1487, und auch die Entwicklung der meist etwas phantastischen und daher nie gebauten Tötungsmaschinen findet hauptsächlich in der ersten Hälfte der sogenannten Mailänder Zeit statt, also am Anfang und in der Mitte der 1480er-Jahre. Bis zum nachweislichen Vegetarismus Leonardos vergingen also noch fast drei Jahrzehnte. Lester widmet aber der Frage, ab wann Leonardo keine Tiere mehr aß, gar keine Aufmerksamkeit. Durch das undifferenzierte Gegenüberstellen des „Guten“ und des „Schlechten“, ohne dabei die Zeitschiene zu berücksichtigen, wird die Möglichkeit einer sukzessiven moralischen Reifung von vornherein komplett ausgeklammert.

Ärgerlich ist auch eine Unachtsamkeit, durch die der Vegetarismus Tommaso Masinis unterschlagen wird. Die von Nicholl akribisch recherchierten Sätze eines zeitgenössischen Chronisten über Tommaso legt Lester Tommaso selbst in den Mund:

„Er hätte nicht mal einen Floh getötet. Und er kleidete sich in Leinen, weil er nichts Totes tragen wollte.“20

– schrieb der Historiker Scipione Ammirato (1537–1601) über Tommaso Masini. Bei Lester, der Nicholl als Quelle angibt, sagt das dagegen Tommaso Masini über Leonardo da Vinci (S. 185).

c) Gleich in der Einleitung seines Buches Leonardo da Vinci – Die Biographie hebt der Star-Biograph Walter Isaacson hervor:

„[…] er war unehelich geboren, homosexuell, Vegetarier, Linkshänder, leicht abgelenkt, zuweilen Häretiker“ (S. 28).21

Die Behandlung des Vegetarismus bleibt trotz dieses Paukenschlages oberflächlich, und die Recherche enthält mehrere Fehler. So wiederholt Isaacson Lesters Unachtsamkeit bezüglich der Rolle von Tommaso Masini eins zu eins, obwohl er neben Lester auch Nicholl in diesem Zusammenhang als Quelle angibt. So wird das Zitat Scipione Ammiratos über Tommaso wieder zu einem Ausspruch Tommasos über Leonardo umetikettiert (S. 183).

Unverständlich ist auch Isaacsons Zeitangabe, nach der Leonardo wegen seiner Tierliebe die längste Zeit seines Lebens Vegetarier war (S. 184). Dies wäre ein absolutes Novum und als solches irgendwie zu erklären oder zu belegen. Das ist aber nicht der Fall. Vermutlich handelt es sich auch nur um die unkritische Übernahme von Lesters Sichtweise, der, ohne die Frage überhaupt aufgeworfen zu haben, offensichtlich davon ausging, dass Leonardo schon immer Vegetarier war. Der unbesorgte Umgang mit der Zeitschiene führt, ähnlich wie bei Lester, hier in Bezug auf Leonardos unteren Sichelstreitwagen zu einer fatalen, dramatisch aufgebauschten, moralisierenden Fehleinschätzung:

„Hier suhlt sich der sonst so menschenfreundliche und liebenswerte, wegen seiner Zuneigung für alle Kreaturen zum Vegetarier gewordene Leonardo geradezu in entsetzlichen Todesdarstellungen. Auch dies ist das Zeichen seiner inneren Zerrissenheit, denn in den Tiefen seiner Seele hauste auch ein dunkler Dämon der Vorstellungskraft.“ (S. 146)
Bild 2: Leonardo da Vinci, Sichelstreitwagen um 1485

Bild 2: Leonardo da Vinci, Sichelstreitwagen um 1485

Das Bild entstand bereits um 1485, in der ersten Mailänder Zeit im Dienste des Usurpators Ludovico Sforza, etwa zu der Zeit, zu der Leonardo den Frosch geköpft hat. Die zwei Quellen, die Leonardos Vegetarismus belegen (das „Bestien-Zitat“ und der Corsali-Brief), lassen sich dagegen auf dreißig Jahre später datieren – Zeit genug für einen Menschen, um seinen ethischen Kompass neu kalibrieren zu können.

Ich komme jetzt zum ärgerlichen Höhepunkt von Isaacsons missglückter Recherche. In einem beiläufig klingenden Satz (außerhalb des Vegetarismus-Kontextes) gibt er an, dass Leonardo ein Schwein aufschnitt, dessen Herz noch schlug (S. 539) – sprich: eine sogenannte Vivisektion durchführte. Dabei werden zwei Quellen angegeben (S. 729): Wells und Keele. Wells schreibt aber nur wenige Seiten vor der von Isaacson angegebenen Stelle das explizite Gegenteil dessen:

“Leonardo abhorred vivisection and therefore denied himself the easier route of observing the heart in its normal working state. Instead, he developed methods of demonstrating the chambers of the heart and the ventricles of the brain in their normal distended state by injecting them with wax. […] Com-parison of Leonardo’s images with those of an actual cast reveal the accuracy of his work. Undoubtedly these are methods borrowed from his knowledge of both sculpture and engineering, and have reference the lost wax method of casting. In his work on the understanding of the aortic valve and the outflow of the left ventricle of the heart, Leonardo described a method of constructing a glass model in which to demonstrate the complex flow of blood through this channel.” (Wells, 2013, S. 178)

(Leonardo verabscheute die Vivisektion und vermied daher den leichteren Weg, das Herz in seinem normalen Arbeitszustand zu beobachten. Stattdessen entwickelte er Methoden, um die Herzkammern und die Ventrikel des Gehirns in ihrem normal ausgedehnten Zustand zu untersuchen, indem er Wachs in sie injizierte. […] Die Übereinstimmung zwischen Leonardos Bildern mit denen eines tatsächlichen Abgusses offenbart die Genauigkeit seiner Arbeit. Ohne Zweifel handelt es sich dabei um Methoden, die er seinem Wissen über Skulpturen und über Technik entlehnt hat, und sie weisen auf die verlorene Methode des Wachsgießens hin. Zum Verständnis der Aortenklappe und des Abflusses des linken Ventrikels des Herzens beschrieb Leonardo in seiner Arbeit eine Methode zur Konstruktion eines Glasmodells, um den komplexen Blutfluss durch diesen Kanal zu demonstrieren.)

Schaut man sich Isaacsons andere Quelle an, wird ersichtlich, wo sein Missverständnis herrührt:

“The nature of the movement of the contraction of the heart he studied by observing pigs being slaughtered by spikes pushed into the heart. From experimental observation he deduced that the heart shortens in systole and that the pulse wave is created in the arteries by this contraction.” (Keele, 1979, S. 376)
(Er untersuchte die Art der Kontraktion des Herzens, indem er beobachtete, wie Schweine mit Stechern geschlachtet wurden, die in das Herz gedrückt wurden. Aus der experimentellen Beobachtung folgerte er, dass sich das Herz in der Systole verkürzt und dass die Pulswelle in den Arterien durch diese Kontraktion erzeugt wird.) Die Passage ist in der Tat ein wenig missverständlich: Beobachtung bzw. aktive Teilnahme am Schlachtprozess sind bei ungenauem Lesen leicht verwechselbar. Doch im Zweifelsfall hätte Isaacson bei Leonardo selbst nachlesen können:
„Da werfen sie also das Schwein auf den Rücken, binden es dann recht fest und durchbohren seine rechte Seite und zugleich sein Herz mit diesem Stecher, indem sie ihn in gerader Richtung hineinstoßen.“ (Lücke, 1953, S. 89 (Quaderni I 6 r.)

Beim Ganzen handelte es sich um das übliche Schlachtprozedere von Schweinen in der Toskana. Leonardo notierte, dass er die Bauern instruierte, das spillo nicht aus dem Herzen des Tieres herauszuziehen, bis er seine Skizzen anfertigte. Im Folgendem beschrieb er mit sachlicher Akribie, welche Rückschlüsse von der Bewegung des Endstücks des sogenannten spillo (mit dem auch der Wein aus den Fässern abgezogen wird) auf die Herzkontraktion gezogen werden können (ebd.).

Wie außergewöhnlich das Ganze auch klingen mag, Leonardo bezog vermutlich von den gleichen Bauern die inneren Organe, welche er im Anschluss ebenfalls erforschte und mit Wachs ausgoss (s. oben im Zitat von Wells). Interessant ist das Beispiel dennoch, weil es in aller Deutlichkeit vor Augen führt, dass Leonardo nicht Vegetarier wurde, weil er ein Sensibelchen war. Ich nehme an, dass ihn diese unkonventionelle Feldforschung entgegen der sachlichen Distanz, mit der er sie beschrieb, dennoch nicht ganz kalt ließ. Die Beschreibung der Schlachtprozedere und das Bestien-Zitat werden jedenfalls aufs gleiche Jahr datiert.22

Abschließend möchte ich auch einen positiven Aspekt aus Isaacsons insgesamt äußerst irreführender Auseinandersetzung mit dem Thema herausheben: den Verweis auf eine Notiz, in dem Leonardo die Schmerzempfindlichkeit von Pflanzen und Tieren verglich. (Darauf gehe ich ausführlich im Kapitel 4 ein.) Auch Isaacsons aus der Notiz abgeleitete Folgerung teile ich:

„Leonardo mied Fleisch aus einer moralischen Haltung heraus, die auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gründete.“ (S. 184)

d) In seiner einfühlsamen Leonardo-Biographie (Klein, 2014) resümiert Stefan Klein über Leonardos Vegetarismus wie folgt:

„Dass ein Mensch überhaupt Mitgefühl an den Tag legte, war ungewöhnlich genug in dieser von Gewalt erschütterten Zeit. Auf den Gedanken aber, einzig aus Rücksicht auf andere Kreaturen sogar auf den Fleischverzehr zu verzichten, war im Abendland noch keiner gekommen.“ (Klein, 2014, S. 88)

Trotz dieser spektakulären Feststellung, nach der im Abendland noch niemand zuvor aus Mitgefühl auf Fleisch verzichtete, geht der Autor sogleich zur Klärung der Frage über, wie derselbe mitfühlende Geist Kriegsmaschinen erfinden und mit tyrannischen Usurpatoren (Ludovico Sforza, Cesare Borgia) zusammenarbeiten konnte. Auch er beruft sich auf den Corsali-Brief aus dem Jahr 1516, drei Jahre vor Leonardos Tod, stellt aber nicht die Frage, wann Leonardo Vegetarier wurde. Das reflexartige Gegenüberstellen des moralisch Edlen und des Verwerflichen führt auch bei Klein dazu, dass keine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet.

e) Volker Reinhardt zählt zu den führenden Renaissance-Experten. In seiner Leonardo-Biographie verortet er Leonardo als einsames Unikat zwischen naturfeindlichen Christen, wortverliebten Humanisten und mystifizierenden Alchimisten (Reinhardt, 2018, S. 15). Reinhardt nimmt auf Leonardos Fleischverzicht sogleich in der Einleitung Bezug. Er interpretiert Leonardos Fleischverzicht und seine Ablehnung des Tötens als Ausstieg aus dem „ekelerregenden Kreislauf“ (ebd., S. 12) vom Fressen und Gefressenwerden. Reinhardt rückt in seinem Buch insgesamt das ketzerische Element in Leonardos Denken in den Vordergrund (genauer gesagt: das, was damals als solches wahrgenommen wurde), aber verbindet das nicht systematisch mit dem Thema Fleischabstinenz. Als ketzerisches Element hebt Reinhardt Leonardos Kritik am Schlachten der Osterlämmer zwar hervor und überlegt, ob die symbolische Gleichsetzung der Hostie mit dem Fleisch Christi zum Fernbleiben Leonardos von der Kommunion führte (ebd., S. 11f.), kratzt damit aber nur an der Oberfläche eines tausendjährigen historischen Konfliktes, welcher zwischen dem Christentum und der tierleidfreien Ernährung bestand. Ihm entgeht anscheinend, dass der Vegetarismus – jenseits der Fastenzeit oder der körperlichen Selbstzüchtigung – selbst mit Ketzerei in Verbindung gebracht wurde.