Das Tier als Subjekt (ab 1497/1500)

Leonardo ist durch Das Abendmahl auf einen Schlag zu den gefragtesten Künstlern des Landes aufgestiegen. In den letzten Jahren seines insgesamt 18-jährigen Aufenthaltes am Hofe Ludovico Sforzas entwickelte sich eine Freundschaft und fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Mathematiker und Franziskaner Luka Pacioli (1447–1517), der u.a. für die Entwicklung der doppelten Buchführung bekannt ist. Ab der Jahrhundertwende begann eine historisch turbulente Zeit, in der Leonardo deutlich häufiger als bisher seinen Lebensmittelpunkt wechselte.

Kennzeichnend für diese Periode ist Leonardos explizite Ausei-nandersetzung mit der Mensch-Tier-Beziehung. Seine Reflexionen zu dem Thema lassen sich stimmungsmäßig drei Phasen zuordnen:

  • a) Trauer, Vorwurf, Provokation
  • b) Resignation
  • c) Wut

a) Trauer, Vorwurf, Provokation

Die Zitate dieser Phase gehören zu den sogenannten Prophezeiungen, eine Mischung aus teils moralisierenden, teils gesellschaftskritischen und teils einfach nur „knackigen“ Rätseln, von denen sich ca. dreißig dem Thema der Mensch-Tier-Beziehung widmen. Der Großteil jener Rätsel entstand in den letzten Jahren am Hofe des Ludovico Sforza.30 Dass Leonardo ein geistreicher und charmanter Unterhalter war, ist mehrfach überliefert. Ob dabei auch die Rätsel, welche das Leiden der Tiere thematisierten zum Einsatz kamen, lässt sich heute schwer sagen. In ihrer Fülle deuten sie jedenfalls auf eine intensive Auseinandersetzung Leonardos mit dem Thema hin. Die folgenden drei von mir ausgewählten Rätsel heben sich von anderen provokant oder makaber anmutenden Rätseln durch ihre weit pathetischere Formulierung ab.31

1497–1500:

„(Von der Grausamkeit des Menschen.) […] Ihr Leib aber wird allen lebendigen Körpern, den sie getötet haben, als Grab und Durchgang dienen. O Erde, warum tust du dich nicht auf? Warum stürzest du sie nicht in die tiefen Spalten deiner riesigen Abgründe […]?“

C.A. 370 v. a (zit. nach Lücke, 1953, S. 862f.)

„(Von den Bienen.) Viele andre aber werden der Vorräte und damit ihrer Nahrung beraubt und dann durch vernunftlose Menschen grausam ertränkt und vernichtet werden. O Gerechtigkeit Gottes, warum erwachst du nicht? Warum siehst du nicht, wie sehr deine Geschöpfe misshandelt werden?“

C.A. 145 r. a (zit. nach Lücke, 1953, S. 855)

„(Von den geprügelten Eseln.) O gleichgültige Natur, warum bist du so ungerecht zu deinen Kindern […]? Ich sehe doch, wie deine Kinder in die Knechtschaft anderer gegeben werden, ohne jemals einen Vorteil davon zu haben, wie ihnen die geleisteten Dienste nicht gelohnt, sondern durch schlimmste Peinigungen vergolten werden und wie sie dennoch ihr Leben immerfort hingeben zum Wohl ihres Peinigers.“

C.A. 145 r. a (zit. nach Lücke, 1953, S. 856)

Anmerkungen:

  1. Es zeigt sich eine deutliche Kehrtwende: Leonardo ergreift in einem dramatischen Ton Partei für Tiere. In den drei Zitaten appelliert Leonardo wegen der zugelassenen Ungerechtigkeit an Tieren an die höchsten Instanzen (Erde, Gott und Natur). Diese wirken dadurch wie Klagegebete und weniger als Rätsel.
  2. In den Prophezeiungen befinden sich 27 weitere Rätsel, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. In fünfzehn davon beschreibt Leonardo das Leid der Tiere; in den restlichen zwölf werden Produkte, die aus Tieren hergestellt wurden, in ein makabres Licht gerückt. Der Gesamtschau der Zitate (s. Anhang 4) macht deutlich, dass, auch wenn Leonardo manche Konflikte bezüglich der Nutzung tierischer Produkte mangels Alternativen nicht lösen konnte, er das Ideal einer weitestgehend tierleidfreien menschlicher Existenz befürwortete. Die auffällig vielen einschlägigen Rätsel (insgesamt 30), von denen die meisten (28 Stück) irgendwann in der Zeit zwischen 1497 und 1500 entstanden sind, offenbaren ein großes Kommunikationsbedürfnis Leonardos in Bezug auf das Thema.

b) Resignation

Nach einigen Jahren Pause folgt zwar nur eine einzige Notiz, die zum Thema erhalten blieb, sie hat es aber in sich.

1508:

“Man has much power of discourse which for the most part is vain and false; animals have but little, but it is useful and true, and a small truth is better than a great lie.”

(Der Mensch hat ein großes Sprachvermögen, doch es ist zum größten Teil eitel und falsch; Tiere haben ein kleines, aber es ist nützlich und wahr, und die geringe Gewissheit ist doch besser als die große Lüge.)

Paris MS. F 96 v. (zit. n. Richter, 1883, Bd. 2, S. 296)

Anmerkung

  1. Das Zitat von 1508 zeugt von einer wichtigen Veränderung. Mensch und Tier werden hier unmittelbar miteinander verglichen. Der Ton entbehrt zwar des Pathos der vorhergehenden Zitate, doch das für den Menschen ausgestellte Zeugnis ist vernichtend: Der Mensch ist eitel und falsch, Tiere sind nützlich und wahr. (Was zu dieser Einschätzung führte, wird im Kap. 6 erörtert.)

c) Wut

Fünf Jahre vergingen – Leonardo ist also 61 Jahre alt –, bis die nächste und zugleich letzte Notiz entstand, die das Leid der Tiere thematisierte.

1513:

„Wenn Du, wie du dich selbst beschrieben hast, der König der Tiere bist – du solltest dich freilich lieber König der Raubtiere nennen, weil du das Größte bist! – nun, warum hilfst du ihnen dann nicht, damit sie dir später ihre Jungen zu Befriedigung deines Gaumens schenken können? Deswegen hast du doch versucht, ein Grab für alle Tiere aus dir zu machen! Ja, ich würde noch viel mehr erzählen, wenn es mir gestattet wäre die volle Wahrheit zu sagen. Aber wir wollen die menschlichen Dinge nicht verlassen, ohne einen maßlosen Frevel zu erwähnen, wie er unter Tieren auf Erden nicht vorkommt; denn unter ihnen gibt es keine Tiere, die ihre eigene Art fressen es sei denn aus Mangel an Gehirn. […]

Was hältst du also von Deiner Art, Mensch? Bist du wirklich so klug, wie du dir einbildest?“

Quaderni II 14 r. (zit. n. Lücke, 1953, S. 19f.)

Anmerkungen

  1. Die Bestien-Schelte ist aus mehreren Gründen etwas Besonderes – zum Beispiel, weil es die Biographen, mit Ausnahme der fulminanten Fehlinterpretation Kurt Eisslers, mit Vorliebe ignorieren.
  2. Ein weiterer Seltenheitswert besteht darin, dass hier der Mensch als solcher direkt angesprochen bzw. angeprangert wird. Im Spiegel seiner Eitelkeit sieht er sich als König der Tiere, doch in Wirklichkeit verhält er sich wie der König der Bestien. Die Bestien-Schelte ist der emotionale Höhepunkt in einem zweiseitigen Traktat, in dem sich Leonardo gegen unterschiedliche Arten der intellektuellen Verkürzung richtet, so zum Beispiel gegen das Verpönen der Anatomie. Der Grundgedanke des Textes besteht darin, dass die Liebe zu ihrem Gegenstande durch allseitige Betrachtung inniger wird, daher also eine verkürzte Betrachtung der Liebe entgegensteht. Indem die Bestien-Schelte den Menschen allgemein anprangert, entwickelt sich der Traktat, der mit methodenkritischen Überlegungen begann, zu einer fundamentalen Kulturkritik.
  3. In der Übersetzung der Lücke-Ausgabe wurde aus dem doppeldeutigem rè delle bestie etwas verharmlosend König der Raubtiere. Ohne eine etymologische Diskussion vom Zaun brechen zu wollen, möchte ich darauf hinweisen, dass Leonardo den Krieg schon um das Jahr 1490 als pazzia bestialissima bezeichnete, was in der Regel auch als bestialischer Irrsinn übersetzt wird (z.B. Klein, 2014, S. 101 (TP 177)). Die englische Übersetzung folgt dem Italienischen: king of the beasts.32
  4. Die spannende Frage lautet: Was meint Leonardo, wenn er sagt: „Ja, ich würde noch viel mehr erzählen, wenn es mir gestattet wäre die volle Wahrheit zu sagen“? – Wer verbietet Leonardo, die volle Wahrheit zu sagen? Zumal er danach wutschäumend auf den maßlosen Frevel zu sprechen kommt (Kannibalismus). Was kann da noch schlimmer sein als das?