Das Tier als Objekt (bis ca. 1490)

Ab 1482 befand sich Leonardo am Hofe Ludovico Sforzas in Mailand. Neben seiner Betätigung in den Bereichen Kunst, Technik, Architektur, Stadtentwicklung und der Organisation von Hoffesten erwachte Leonardos Interesse ab Mitte der 80er-Jahre immer mehr für die Naturwissenschaften. Eines der Themen, die ihn beschäftigten, war die Lokalisierung der Quelle der Lebenskraft.

1485–87:

„Der Frosch behält das Leben noch einige Stunden, wenn der Kopf, das Herz und alle Eingeweide ihm genommen sind. Aber wenn du das Rückenmark durchstichst, dann zuckt er plötzlich zusammen und stirbt. […] Es hat also den Anschein, als liege hier die Quelle der Bewegung und des Lebens.“

Quaderni V 21 r. (zit. nach Lücke, 1953, S. 119)

1487–90:

“The scalpro (spike) was a sharpened iron used to prick and control elephants. Livy in the Seventh Book of the Carthaginian War, says that many more elephants were killed by their own governors than by the enemy. For when these beasts got enraged with them the governor with a mighty blow thrust the sharp scalpro between the ears where the neck joins the spinal column: and this was the most rapid death that could be given to so huge a beast.”

(Der scalpro (Spieß) war ein geschärftes Eisen, das zum Stechen und Kontrollieren von Elefanten verwendet wurde. Livius sagt im Siebten Buch des punischen Krieges, dass viel mehr Elefanten von ihren eigenen Gouverneuren getötet wurden als vom Feind. Wenn diese Bestien wütend wurden, stieß der Gouverneur mit einem mächtigen Stich den scharfen scalpro zwischen die Ohren, wo sich der Hals mit der Wirbelsäule verband. Dies war der schnellste Tod, der einer so großen Bestie zugefügt werden konnte.)

Paris MS. B, f 9 r. (zit. nach Del Maestro, 1998, S. 14)

Anmerkungen

Man beachte die Analogie zwischen dem Stich in das Rückenmark des Frosches bzw. ins Genick des Elefanten.

  1. Die Bezeichnung riesige Bestie und der Fokus auf die technischen Details offenbaren, dass Leonardo im Elefanten tatsächlich nur ein großes Kampfinstrument sah. Deswegen teile ich nicht die Ansicht Toby Lesters, dass Leonardo beim Töten des Frosches große moralische Bedenken überwinden musste.29 Vielmehr sah er in diesem ein reines Forschungsobjekt.