Bilanz

Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Tieren ist Leonardo mit dem Facettenreichtum und der Komplexität tierischen Lebens konfrontiert. In diesem Kontext entsteht eine grundsätzliche Überlegung über die Schmerzempfindung der Tiere bzw. die Schmerzunempfindlichkeit von Pflanzen. Zu dieser Zeit (1493–94) fand sich Leonardo mit dem Tod andrer noch ab, aber ein gewisses Unbehagen ist bereits deutlich spürbar.

Irgendwann zwischen 1497 und 1500 erhob Leonardo seine Stimme gegen das Tierleid. Dies muss nicht zwangsläufig mit einer Ernährungsumstellung einhergehen. Es wäre zumindest denkbar, dass sich Leonardo zunächst nur gedanklich vom Tierleid distanzierte und der praktische Ausstieg erst später erfolgte. Ich tendiere jedoch aufgrund der beachtlichen Anzahl und der hohen Emotionalität der Zitate stark zu der Annahme, dass Leonardo derzeit keine Tiere mehr aß.

Wenn man also der Datierung der Zitate folgt und dabei von der Übereinstimmung der Reflexionsebene mit der Handlungsebene ausgeht, ist Leonardos Ernährungsumstellung frühestens 1494 und spätestens 1500 erfolgt. Ausgehend vom arithmetischen Mittel können wir also sagen, dass Leonardo ca. im Alter von 45 (plus/minus drei) Jahren Vegetarier wurde.

Vor der Erörterung der Frage, warum Leonardos Trauer über das Leiden der Tiere mit der Zeit in Resignation und in Wut umschlug, möchte ich die persönlichen und äußeren Voraussetzungen analysieren, die Leonardos Perspektivenwechsel auf die Tiere m.E. überhaupt erst ermöglichten.