Die große Lüge

Eines der Themen, das Leonardo etwa zwei Jahrzehnte beschäftigte, war der Hydrozyklus der Erde, also der Wasserkreislauf. Im Jahr 1492 beschrieb Leonardo am Anfang des sogenannten Wassertraktats die Analogien zwischen dem Menschen als „Kleinere[r] Welt“ und der Erde (Fehrenbach, 1996, S. 43 (MS. A 55 v)). Bei dieser Annahme handelte es sich um die Anwendung des zeitgenössischen Wissenschaftsparadigmas, dessen zentrale Annahme eine strukturelle Übereinstimmung zwischen dem Mikrokosmos (Mensch) und dem Makrokosmos (Welt) ist. Der Gedanke ist alt; er taucht schon bei Heraklit auf, später bei Platon, in der Medizin bei Galen und in abgewandelter Form auch in der biblischen Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott. Im Zuge des wiedererwachenden Interesses an den Naturwissenschaften ab dem 12. Jh. gewann die alte Vorstellung immer mehr an Popularität (z.B. durch Hildegard von Bingen) und wurde zum Wissenschaftsparadigma mit einem Stellenwert, der heute etwa mit dem Konzept der Evolution vergleichbar ist (Lester, 2012, S. 69).

Um das Jahr 1492 begann also ein zähes geistiges Ringen Leonardos mit dem Hydrozyklus, indem er einzelne Probleme im Rahmen des Analogie-Modells zu lösen versuchte. Dabei ging es u.a. um die Frage, wie Quellwasser auf einen Berggipfel kommt. Entsprechend der Analogie zwischen Blut und Wasser ging Leonardo von einem unterirdischen Adergeflecht aus, durch das Meerwasser zum Berggipfel gelang. Seine Versuche, die Überwindung der Höhe mit Wärme oder mit Druck zu erklären, scheinen ihn selbst nicht befriedigt zu haben, denn er kehrte im Laufe der Jahre immer wieder zu diesem Problem zurück (vgl. Fehrenbach, 1996, S. 43ff.).

Im Winter 1507/08 kam es zu einer dramatischen Forschungswende. Als er im Florentiner Krankenhaus Santa Maria Nuova die Leiche eines Greises sezierte, stellte er als Todesursache die Verengung der Adern im Herzen des Alten fest (Klein, 2014, S. 191ff.). Die Gültigkeit der Mensch-Erde Analogie war somit ein für alle Mal hinfällig:

„Der Raum bzw. der Hohlraum der Tiere verhärtet sich wegen des dauernden Durchstroms der Flüssigkeit, die diese Adern ernährt, und verschließt sich zuletzt. […] Der Hohlraum der Adern der Erde erweitert sich wegen des dauernden Zustroms des Wassers.“

(zit. nach Fehrenbach, 1996, S. 55 (Ms. F 1 r))

Das Verschwinden der als sicher erachteten Analogie muss nach 16 Jahren Arbeit an dem Problem ein bitteres Erwachen für Leonardo gewesen sein. Den endgültigen Schlussstrich zog er für sich erst zwei Jahre später im Jahr 1510:

„Du, der du diese Entdeckung gemacht hast [...], kehre dahin zurück, von der Natur zu lernen.“

(zit. nach Reinhardt, 2018, S. 259f. (F 72 b))

Kurze Zeit später gelang Leonardo schließlich die Lösung des Problems: weg von der Blut-Wasser-Analogie, weg vom unterirdischen Wassergeflecht, hin zu einem Erkennen des hydrologischen Zyklus, bestehend aus Verdunstung und Niederschlag unter Mitberücksichtigung der Sonneneinwirkung (vgl. Fehrenbach, 1996, S. 56).

Für die wissenschaftliche Falsifikation des bestehenden Weltbildes konnte Leonardo selbstverständlich auf keine Anerkennung hoffen. Im Gegenteil, sie entsprach viel mehr der Art von Forschungsergebnissen, die Leonardo Verunglimpfung und den Ruf der Häresie eingebracht haben.

Wie so oft übertrug Leonardo seine Erkenntnis auf andere Gebiete. Noch im gleichen Jahr, als das Mensch-Mikrokosmos-Paradigma fiel (1508), warnte Leonardo in seinen Traktaten über die Malerei vor dem in den modernen Kunstwissenschaften als Automimesis bezeichneten Phänomen. Darunter ist eine Neigung des Künstlers zu verstehen, seine Subjektivität unbewusst in sein Kunstwerk einfließen zu lassen. Das führt laut Leonardo sogar dazu, dass der Künstler den abgebildeten Personen seine eigenen äußeren Merkmale unwissentlich überstülpt. Für diese Selbstdarstellung gibt es, so der Kunsthistoriker Hans Zöllner, durchaus offenkundige Beispiele; dennoch kommt Zöllner die Intensivität, mit der sich Leonardo des Themas annahm, fast schon paranoid vor (Zöllner, 2003, S. 44).

Den Zusammenhang zwischen der Krisenzeit, in die Leonardo in intellektueller Hinsicht durch den Zusammenbruch des Mensch-Mikrokosmos-Paradigmas fiel, und Leonardos intensiver Hinwendung zu Automimesis zeigt der Kunsthistoriker Frank Fehrenbach auf (Fehrenbach, 1996, S. 64f.). In diesem Licht betrachtet, erscheinen Leonardos Sorgen um die unbewusste Selbstdarstellung des Künstlers durchaus plausibel, zumal er schon viel Zeit in seine Instruktionen für Maler gesteckt hat. Die Automimesis stört die Abbildung der Idealformen der Natur. Zu ihrer Vermeidung empfiehlt Leonardo, neben vielfältigen Naturstudien, die Vermessung der eigenen körperlichen Proportionen und deren Abgleich mit anderen.40 Letzteres ist im Prinzip nichts anderes als eine Art anatomische Selbstreflexion.

Leonardo war also zeitgleich – und zwar ohne dass ihm ein modernes psychologisches Deutungsmuster zur Verfügung stand – mit zwei Erscheinungen des Unterbewusstseins auf hohem Abstraktionsniveau konfrontiert. Es handelte sich um eine kollektive und um eine individuelle Form der unbewussten Selbstabbildung. Kollektiv erfand der Mensch ein Weltbild, in dem er seine Spezies als kleines Abbild des Kosmos sah. (Das war, wie Leonardo es am eigenen Leib erfahren musste, nicht nur schlicht ein Irrtum, sondern eine geistige Barriere, welche die Erkennung der Wirklichkeit massiv behinderte.) Der Mensch als einzelner Künstler dagegen malte Bilder, auf denen er, ohne dies zu wissen, sich selbst abbildete.

Leonardo, der bereits ca. zehn Jahre zuvor zum Fürsprecher der Tiere wurde, schloss aus den besagten Phänomenen auf einen tief in der Seele des Menschen verankerten Narzissmus (Fehrenbach, 1996, S. 64f.). Dementsprechend ernüchternd fällt sein Mensch-Tier-Vergleich im gleichen Jahr aus:

„Der Mensch hat ein großes Sprachvermögen, doch es ist zum größten Teil eitel und falsch; Tiere haben ein kleines, aber es ist nützlich und wahr, und die geringe Gewissheit ist doch besser als die große Lüge.“

(Paris MS F 96 v. / eigene Übersetzung nach Richter, 1883, Bd. 2, S. 296 / datiert nach Nicholl, 2015, S. 544)

Die Bevorzugung der einfachen Reinheit der Tiere gegenüber der komplexen Eitelkeit des Menschen ist ein bislang unbeachteter ideengeschichtlicher Gegenpol zu dem augustinischen Paradigma, in dem die Tiere als sündhaft abgestempelt wurden.

Im obigen Zitat wurden Mensch und Tier jeder für sich betrachtet. Fünf Jahre später, im Jahr 1513, ging Leonardo im Bestien-Zitat einen Schritt weiter. Möglicherweise unter dem Einfluss der Beobachtungen des Schlachtprozederes von Schweinen in der Toskana vertiefte Leonardo seiner Analyse der Mensch-Tier-Beziehung, indem er das Rollenverständnis des Menschen bezüglich der Tiere mit seinem tatsächlichen Verhalten in Kontrast setzte. Der Mensch sieht sich zwar als König der Tiere, verhält sich aber zu diesen wie eine Bestie.

In dieser Diskrepanz offenbarte sich die trügerische Eitelkeit des Menschen ein weiteres Mal. Diesmal behinderte sie aber nicht die Erkenntnis der Natur, wie im Falle des Mensch-Mikrokosmos-Paradigmas, und auch nicht deren Abbildung, wie im Falle der Automimesis. Hier ging sie auf Kosten der Tiere: In seiner blinden Selbstüberschätzung klammert der Mensch deren Leiden einfach aus. Diese Erkenntnis erregte Leonardos Wut.