Das Rätsel der Bestien-Schelte

Die Bestien-Schelte ist aus mehreren Gründen ein Unikat:

  • Sie war in Verbindung mit dem Corsali-Brief die Grundlage für Richters Folgerung auf Leonardos Vegetarismus im Jahr 1883.
  • Sie wurde in den sechziger Jahren fulminant fehlinterpretiert vom Psychoanalytiker Kurt Eissler und seitdem kaum beachtet.
  • Sie enthält Leonardos unmissverständlichen Appell für eine tierleidfreie Ernährung.
  • Sie steht am Ende von Leonardos tierethischen Paradigmenwechsels. In ihr entlädt sich seine Frustration über das Leiden der Tiere und über den trügerischen menschlichen Narzissmus.

Eine weitere Besonderheit ist das in der Fachliteratur meines Wissens bis heute nicht beachtete „Rätsel“ an die Leser*innen, welches unmittelbar hinter dem Mensch-Bestien-Vergleich steht. Lesen wir hier noch einmal die Bestien-Passage:

„Wenn Du, wie du dich selbst beschrieben hast, der König der Tiere bist – du solltest dich freilich lieber König der Raubtiere nennen, weil du das Größte bist! – nun, warum hilfst du ihnen dann nicht, damit sie dir später ihre Jungen zu Befriedigung deines Gaumens schenken können? Deswegen hast du doch versucht, ein Grab für alle Tiere aus dir zu machen! Ja, ich würde noch viel mehr erzählen, wenn es mir gestattet wäre die volle Wahrheit zu sagen.“ (Quaderni II 14 r., zit. n. Lücke, 1953, S. 19f.)

Wer verbietet Leonardo die volle Wahrheit zu sagen? Zumal er kein Blatt vor den Mund zu nehmen scheint und als nächstes wutschäumend auf den maßlosen Frevel des Kannibalismus zu sprechen kommt. Was kann da noch schlimmer sein als das? Es erscheint mir ziemlich naheliegend, die Kirche hinter der Autorität zu vermuten, die Leonardo daran hinderte, die volle Wahrheit zu sagen. Demnach müsste die volle Wahrheit irgendwo in der gemeinsamen Schnittmenge von Kirche und Mensch-Tier-Beziehung zu finden sein und außerdem einen höchst blasphemischen Inhalt haben. Somit führen die Spuren m.E. geradewegs zur Schöpfungsgeschichte, zum theologischen Fundament der christlichen Mensch-Tier-Beziehung:

„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde […]“41

Die Annahme seiner Ebenbildlichkeit mit Gott, die der Übertragung der Herrschaft über die Tiere auf den Menschen vorgeht, ist – neben Weltbild, Kunst und Rollenverständnis gegenüber den Tieren – der vierte Fall einer kollektiven Manifestation des trügerischen menschlichen Narzissmus. Doch anstatt eines Königs verhält sich der Mensch wie eine Bestie gegenüber den Tieren. Wessen Ebenbild ist der Mensch dann eigentlich, wenn man sich überhaupt auf so eine Analogie einlassen möchte? – Viel mehr ein Abbild des Teufels als das Abbild Gottes!

Diese fundamentale Blasphemie leistete sich Leonardo dann lieber doch nicht. Anstatt die volle Wahrheit zu verkünden, unternahm er den Versuch, mittels des Beispiels vom Kannibalismus zu beweisen, dass der Mensch das Tier an Abscheulichkeiten von Natur aus übertrifft. (In Sachen Kannibalismus irrte aber Leonardo, denn er kommt z.B. unter Eisbärenmännchen relativ häufig vor …)