Dogmenfreiheit und Ketzerei

„Seine Verrücktheiten gingen soweit, dass er beim Nachdenken über die Natur versuchte, die Eigenschaften der Kräuter zu verstehen sowie die Bewegung des Himmels und den Lauf des Mondes und der Sonne zu beobachten. Und dabei entwickelte er so ketzerische Vorstellungen, dass er jegliche Religiosität verlor und es in seiner Verwegenheit höher schätzte, Philosoph als Christ zu sein.“ (Zit. nach Reinhardt, 2018, S. 9)

So lautet ein Zitat des ideologisch angepassten Künstlers und Künstlerbiographen Giorgio Vasari (1511–1574) in der ersten Fassung seiner Vite über den ca. dreißig Jahre zuvor verstorbenen Leonardo.34 Tatsächlich erlaubte sich Leonardo ab und an eine Spitze über die Kirche:

„Da werden viele recht prächtige Gewänder zur Ausübung ihres Berufes anziehen, aber es wird so aussehen, als müssten sie eine Blöße bedecken.“

So lautet ein Rätsel Leonardos in den Prophezeiungen (1497–1500). Des Rätsels Lösung: Priester, welche die Messe lesen (Lücke, 1953, S. 862 (C.A. 370 v. a)). Das Bild der zu bedeckenden Blöße zielt nicht nur auf die inneren Widersprüche der katholischen Kirche kurz vor der Reformation, sondern auch auf die offensichtlichen naturwissenschaftlichen Unstimmigkeiten in der Lehre.

Ab Mitte der 1480er-Jahre wandte sich Leonardo mit zunehmendem Interesse der Forschung zu, und um 1490 definierte er sich als Schüler der Erfahrung, discepolo della sperientia.35 Damit sind sowohl die Beobachtung, als auch die experimentelle Erforschung von Naturphänomenen gemeint. Die Meeresfossilien aus den Bergen von Parna, die sein Interesse ab den frühen 1490er-Jahren weckten, widersprachen der Logik christlichen Schöpfungslehre. Leonardos Notizen enthalten ausführliche Argumente, warum die versteinerten Muscheln und Korallen nicht durch die Sintflut in die Berge gelangen konnten (vgl. Klein, 2014, S. 230 (Leic 8 v)). Leonardo besaß ja zu dieser Zeit schon das Buch des 1327 auf dem Scheiterhaufen verbrannten Freidenkers Cecco d’Ascoli, der die versteinerten Meerespflanzen mit Erdumwälzungen erklärte (vgl. Kap. 3.2).

Von metaphysischen Spekulationen ohne naturwissenschaftliche Grundlage grenzte sich Leonardo ausdrücklich ab. Dazu gehörten neben Aber- und Geisterglauben auch theologische Spekulationen über die Seele:

„Welches Vertrauen sollten wir denn haben in die Alten, die zu definieren versuchten was Seele und Leib sind? Während Dinge, die man jederzeit hätte herausfinden und durch Sinneswahrnehmung beweisen können, viele Jahrhunderte lang unbekannt blieben oder missverstanden wurden.“36

Umso mehr lag ihm daran, die Seele im menschlichen Körper selber lokalisieren zu wollen. Dies war ein mehrstufiger Prozess über Jahre hinweg, in dessen Zuge unterschiedliche Seelen-Konzepte entstanden (vgl. Del Maestro, 1998). In seinen Überlegungen um 1492 koppelte er die Seele an das Zentrum der Sinneswahrnehmung, wo er auch den Verstand verortete. In diesem Kontext verwendete er Seele etwa deckungsgleich mit dem heutigen Bewusstsein (vgl. Lücke, 1953, S. 43f. (Fogli B 2 r. und 2 v.)). In späteren Konzepten musste der Begriff allgemeiner als „formschaffendes Prinzip“ gefasst werden (Fehrenbach, 1996, S. 58), um die von Leonardo bereits erahnte wissenschaftliche Lücke aufgrund des Fehlens der Konzepte von Evolution und Erbanlage abzudecken. Dafür ein Beispiel:

„Sieh doch, wie die Seele, die Tochter der Natur, im Fisch wegen der stetigen Reibung, die er notwendigerweise mit dem Wasser hat, dafür sorgt, daß er aus den Poren, die sich zwischen den Fugen der Schuppen befinden, einen klebrigen Schleim absondert, der schwer von diesem Fisch abgeht, und beim Fisch den gleichen Zweck erfüllt wie das Pech beim Schiff.“ (Forster III 38 r., zit. nach Lücke, 1953, S. 121)

An die für die Kirche bis heute gültige augustinische Seelendoktrin, mit der zwischen Menschenseelen und Tierseelen eine fundamentale Grenze gezogen wurde, schien Leonardo zu keinem Zeitpunkt zu glauben. Sie entsprach viel mehr der Art von metaphysischen Spekulationen ohne naturwissenschaftliche Grundlage, die Leonardo als Forscher, wie gesagt, ablehnte.37 Gerade weil Leonardo in dieser Hinsicht mehr Philosoph als Christ war, wie Vasari verächtlich formulierte, war sein Blickfeld auf die Tiere freier als das seiner Zeitgenossen.