Das Leid erkennen

Das Erkennen des Leides der Tiere wurde durch zwei Faktoren vorangetrieben: durch Leonardos Reflexionsprozess im Rahmen seiner systematischen Auseinandersetzung mit Naturwissenschaften sowie durch Leonardos Selbstverständnis, die Welt mit dem Auge uneingeschränkt erfassen zu wollen.

a) Zoologie

Leonardos Welterkundung begann als reflektierender Prozess aus dem Blickwinkel des Malers. Dessen Berufsbild wurde von Leon Battista Alberti (1404–1472; italienischer Humanist, Schriftsteller, Mathematiker, Kunst- und Architekturtheoretiker sowie Architekt) aus dem Status des reinen Handwerks gehoben und mit komplexen geometrischen Studien und Naturbeobachtung verknüpft. Leonardo scheint dies tief verinnerlicht zu haben. Entsprechend seinem Selbstverständnis als Schüler der Erfahrung entwickelte sich Leonardo vom Künstler und Techniker zum vielfältigsten Naturwissenschaftler seiner Zeit. Im Zuge dessen setzte er sich auch mit Zoologie auseinander, wobei feststeht, dass er in Paris MS. H in den Jahren 1493–94 lange Passagen aus Plinius Historia Naturalis über Tiere notiert.

Die systematische Reflexion über Tiere bewirkte eine Verschiebung von Leonardos Blickwinkel: Aus Forschungsobjekt (Frosch) und Kriegsinstrument (Elefant) wurden Lebewesen mit eigenen Gefühlen und komplexem Sozialverhalten. Zwei Notizen aus der gleichen Zeit, über die Schmerzempfindlichkeit von Tieren und über die scheinbare Unvermeidlichkeit der Nahrungskette, zeugen bereits von Leonardos erwachender Empathie und einer Verschie-bung seines Blickwinkels (s. Kap. 4.2).

b) Der durchdringende Blick

Bild 4. Leonardo da Vinci, 1479: Die Hinrichtung des Bernardo Bandini Baroncelli

Bild 4. Leonardo da Vinci, 1479: Die Hinrichtung des Bernardo Bandini Baroncelli, Musée Bonnat-Helleu, Bayonne

Das Erfassen der Welt mit dem Auge war Leonardos Beruf und Passion. Der Gehängte auf Leonardos Skizze ist Bernardo di Bandini Baroncelli (1420–1479), ein italienischer Bankier und Teilnehmer der sogenannten Pazzi-Verschwörung, deren Ziel ein Staatsstreich in Florenz war. Er ist der mutmaßliche Mörder des Guiliano di Piero Medici (1454–1478) während der Ostermesse im Jahr 1478. Ihm gelang die Flucht bis nach Konstantinopel. Die Zurschaustellung seines Leichnams nach der Vollstreckung des Todesurteils markierte den ersehnten Schlussstrich eineinhalb Jahre nach den Ereignissen, welche die Gemüter der Florentiner sehr stark erschütterten. Leonardo, zu der Zeit 27 Jahre alt, dokumentiert den historischen Moment wie ein Fotoreporter: Die Notiz auf dem Bild listet in wortkarger Exaktheit Farbe und Material der – fluchtbedingt – orientalischen Kleidung des Toten auf.

Leonardo blickte also schon in jungen Jahren unerschrocken in die Welt und betrachtete gründlich alle Facetten des Lebens, die schönen wie die hässlichen. Das Abstreifen von Scheuklappen hatte bei Leonardo später auch als Denker und Wissenschaftler oberste Priorität. Sein durchdringender Blick führte ihn bis ins Körperinnere und revolutionierte die anatomische Darstellung seiner Zeit (Klein, 2014, S. 215). Wegschauen war daher keine Option für Leonardo.38 Er zeichnete diverse liebevolle Tierstudien, beobachtete den Flug der Vögel und die Bewegungen von Pferden. Er setzte sich ab 1493–94 systematisch mit Zoologie auseinander und nahm die Qualen der Tiere unter der Hand des Menschen im Lauf der Zeit immer bewusster wahr.