Die Komponenten von Leonardos tierleidfreier Ernährung

Im von Augustinus nachhaltig mitgeprägten theologischen Weltbild galten die Seelen der Tiere im Gegensatz zu den menschlichen Seelen als sterblich, und die Tiere selbst wurden zu einer Projektionsfläche für Sünde und Sexualität. Zu diesem Grundmuster kamen unterschiedliche Entwicklungen hinzu. Um 1220 entstand die erste lateinische Übersetzung des Historia animalium von Aristoteles.33 Das weckte nach Jahrhunderten wieder das Interesse an Zoologie und führte langfristig zu einer realistischeren Wahrnehmung der Tiere. Doch das war ein sehr langsamer Prozess, der nur in den Köpfen einzelner Gelehrter und ihrer Leserschaft stattfand. Weit verbreiteter war dagegen ein Blick auf die Tierwelt wie durch einen magischen Schleier.

Die Äbtissin Hildegard von Bingen (um 1098–1179) empfiehlt im Kapitel 6 ihrer Physica (auch Liber simplicis medicinae), das Herz eines Pirols ins taube Ohr zu stecken, um wieder zu hören; gebratenen Grünspecht, um von Lepra zu gesunden; gekochte Sulz aus Waleingeweiden für Schmerzen in der Lunge; oder die in einen Knochen eingefasste getrocknete Leber einer Amsel, um den Teufel abzuschrecken. Die von ihr skizzierte virtuelle Apotheke enthält u.a. dreimal sonnengetrocknetes Reiherauge, pulverisiertes Pfauenherz, Elefantenknochen, getrocknete Lerchen, eine Salbe aus der Galle der Nachtigall oder eine Flüssigkeit aus der kleinen Blase, die in der Hummel zwischen Kopf und Unterleib sitzt (Physica, Kap. 6,68) (vgl. Meier, 2008, S. 57 u. 53ff.).

Die Katze (lateinisch catus), die in der christlichen Naturphilosophie als Inbegriff der Unkeuschheit galt, wurde am Ende des zwölften Jahrhunderts fälschlicherweise mit den Katharern (von katharós, griechisch: rein) in Verbindung gebracht. Im Jahr 1233 beschreibt eine Bulle des Papstes Gregor IX., wie Luzifer Teufelsanbetern und Hexen in Gestalt eines schwarzen Katers erscheint. Das Tier wird von den Ketzern zuerst auf den Hintern geküsst, dann angebetet, danach trieb man Unzucht (Meier, 2008, S. 63). Diese Vorstellung hatte in den nächsten Jahrhunderten für viele schwarze Katzen verheerende Folgen.

Von der Unfähigkeit, die menschliche Perspektive zu verlassen, zeugt auch das Phänomen der Tierprozesse, welche ab dem 14. Jahrhundert verstärkt dokumentiert wurden. Tiere die Schaden anrichteten, wurden bei einer Verurteilung gehenkt, verbrannt, ertränkt, erwürgt oder lebendig begraben. Als Leonardo 26 Jahre alt war (1478), klagten die Bürger von Bern die Maikäferlarven an:

„Die Gerichtsdiener verlasen an Ort und Stelle den Fraßschädlingen ihre Untaten. Einige gefangene Exemplare wurden hingerichtet, die Gattung als Ganzes mit einem Bann gelegt und die Felder mit Weihwasser besprengt.“ (Meier, 2008, S. 75)

Die Frage, warum Leonardo ein Verfechter der tierleidfreien Ernährung wurde, ist m.E. relativ leicht zu beantworten. Ich teile die Meinung des deutschen Philosophen Karl Jaspers (1883–1969) über Leonardo:

„Er kennt […] den Unterschied des Sehens, nämlich des blinden Sehens, für das eine transparenzlose Realität alles ist, und das wahre Sehen, dem alles Sinnliche spirituell wird, als ob das Unsichtbare die eigentliche Wirklichkeit sei.“ (Jaspers, 1953, S. 80)

In diesen Zusammenhang gesetzt, ist Fleisch nur in einer transparenzlosen Realität ein Lebensmittel, nicht aber im Modus des wahren Sehens, in dem alles Sinnliche spirituell ist. In diesem Modus ist Fleisch Angst, Schmerz und Tod. Um bis zu dieser Erkenntnis vorzudringen, musste Leonardo jedoch einige Barrieren überwinden.