Der blinde Fleck

Das Thema der vorliegenden Arbeit ist eine Wahrnehmungslücke, die offenkundig aufgrund des schlechten Gewissens im Kontext der ernährungsbedingen Tierausbeutung entsteht. Sie manifestiert sich in der Form eines blinden Flecks in den unterschiedlichsten Bereichen.

Der blinde Fleck in der Sozialisation

Die ethischen Normen zum Umgang des Menschen mit Tieren werden von Generation zu Generation weitergegeben. Frühere Generationen hatten mit der Gewalt gegen Tiere einen weit offeneren Umgang als heutige. Man denke, um nur einige offensichtliche Beispiele zu nennen, an die Tierhatz im römischen Reich oder an die Vernichtung von vermeintlich von Dämonen besessenen Tieren ab dem zwölften Jahrhundert. Noch weit über die Aufklärung hinaus, bis zum Erlass der ersten Tierschutzgesetze in den 1830er Jahren, praktizierte und akzeptierte man in Europa zahlreiche Varianten der Tierquälerei als allgemeine Volksbelustigung oder zur Erheiterung der höfischen Gesellschaft. Ein Beispiel für Letzteres ist das sogenannte Fuchsprellen, bei dem die auf den Befehl des Oberjägermeisters zuvor eingefangenen Tiere mit einem starken Tuch oder Netz in Luft geschleudert wurden.

"Der Platz muss wenigstens eine Vierte-Elle hoch mit Sand bedecket und gleich geharket seyn, damit die Lust desto länger dauern, und die Voltigiersprünge der Füchse und Hasen desto lebhafter und öfter gesehen werden mögen; denn sonst würde die Lust sich bald endigen, wenn die armen Thiere bey dem Herunterfallen, den Kopf an die Steine schlügen, oder den Rückgrath, das Kreutz, oder die Läufe zerbrächen." (aus Krünitz' Ökonomisch-technologische Enzyklopädie (1778), Bd. 15, S. 404, zitiert nach Kronauer 2017, S. 644)

Der Ausdruck arme Thiere schließt nicht aus, dass das Fuchsprellen gleichzeitig als ausnehmendes Plaisir angepriesen wird (vgl. ebd.). Die Situation heute ist dagegen schizophren: unechte Tiere, in Form von Kuschel- und Spielzeugtieren, sprechenden Tieren in Geschichten und Tierfotos etc., überfluten geradezu die Lebenswelt der Kinder (und mancher Erwachsenen). Gleichzeitig klammern wir die wahre Rolle, die echte Tiere in unserer Esskultur, Kosmetikindustrie etc. spielen, in der Kommunikation mit unseren Kindern nahezu komplett aus. Das Thema Tierhaltung wird mehr oder weniger auf eine Hochglanz-Bauernhofidylle heruntergebrochen - die Kuh schenkt uns die Milch, das Huhn das Ei. Die Zahl der jährlich weltweit im Ernährungskontext getöteten Tiere ist indes geradezu surreal: über 60 Milliarden Landtiere und vorsichtig geschätzt eine Billion Meerestiere. (Ein immenser Teil der Meerestiere ist der sogenannte Beifang, welcher tot ins Meer zurückgeworfen wird, während ein anderer beträchtlicher Teil in der Landwirtschaft als Kraftfutter endet.)

Natürlich wollen wir unsere Kinder nicht mit dem Leiden der Tiere belasten, zumal wir uns selbst nicht gern mit dem Thema auseinandersetzen. So überlassen wir die Erkenntnis des unabdingbaren Zusammenhangs zwischen dem Verzehr von tierischen Produkten und dem Töten von vielen vielen Tieren in der Regel lieber unseren Kindern selbst. Wir verschweigen den Kindern natürlich viele schreckliche Dinge (Hunger, Krankheit, Kriege, Katastrophen etc.), die in dieser Welt passieren, doch nichts davon geht so unmittelbar auf unsere ausdrückliche Bestellung zurück, wie das Elend der Nutztiere.


Der blinde Fleck in der Selbstwahrnehmung

Die in der Sozialisation antrainierte Verdrängung bezüglich der eigenen Rolle im Kontext der Ausbeutung der Nutztiere, erklärt vielleicht auch die entsprechend idealisierte Selbstwahrnehmung im Erwachsenenalter. Nach einer repräsentativen Umfrage des Apothekenmagazins Apotheken Umschau aus dem Jahr 2009 bezeichneten sich 80,8 % der Deutschen als sehr tierlieb.1

Bei dieser subjektiven Selbsteinschätzung werden die über 1000 Landtiertiere (945 Hühner, 46 Schweine, 46 Puten, 37 Enten, 12 Gänse, 4 Rinder, 4 Schafe)2 ausgeblendet, die im statistischen Durchschnitt im Laufe des Lebens von einem selbst verzehrt werden. Fische und Meerestiere sind in dieser Statistik nicht enthalten und es geht hier auch nicht um die exakte Menge, sondern um den offensichtlichen Umstand, dass die objektive Gesamtbilanz aus der Perspektive aller Tiere, mit denen man im Laufe seines Lebens zu tun hat, definitiv nicht als sehr tierlieb ausfällt.

Wie kann sich ein Raubtier überhaupt als sehr tierlieb definieren?

Das Ausblenden der gegessenen Tiere erklärt die US-amerikanische Sozialpsychologin Melanie Joy mit dem Phänomen der Dichotomisierung. (Joy 2013, S. 138) Darunter ist eine radikale kognitiv-emotionale Differenzierung zu verstehen, die zur Teilung einer Kategorie und zur gegensätzlichen Belegung der Unterkategorien führt. Auf Basis der Kategorie Nutztiere bezieht man sich auf eine grundlegend andere moralische Skala als zum Beispiel bei Heimtieren. Die Teilung der Tiere in unterschiedliche Kategorien, macht es während der Antwort möglich, nur an Hund, Hamster, Katze, Eichhörnchen, Delphin, Pferd und an den kranken Igel zu denken. Die Unterkategorie Nutztiere wird indes komplett ausgeklammert.

Dadurch entsteht eine Wahrnehmungslücke, die sich hier in einem infantil-idealisierten Selbstbild manifestiert und die reale Gesamtbilanz einer tierfeindlichen Lebenspraxis vollständig ausblendet.

  • 1 Eine repräsentative Umfrage des Apothekenmagazins "Apotheken Umschau" aus dem Jahr 2009; durchgeführt von der GfK Marktforschung Nürnberg bei 2137 Männern und Frauen ab 14 Jahren.
  • 2 www.badische-zeitung.de/deutschland-1/fleischatlas-jeder-deutsche-isst-1094-tiere-in-seinem-leben--68072741.html

Der blinde Fleck in der Fremdwahrnehmung

Für Verzerrungen in der Fremdwahrnehmung gibt es im Zusammenhang mit dem Thema etliche Beispiele, darunter die Versuche den Veganismus als Lifestyle oder als Pseudoreligion zu verklären. Wie auch könnte man die Motive für eine tierleidreien Lebenspraxis verstehen, ohne vorher seine eigene Rolle in der Tierausbeutung objektiv reflektiert zu haben?

Der makaberste Fall der Verzerrung in der Fremdwahrnehmung betrifft den Vegetarismus Leonardo da Vincis. Leonardo (1452-1519) ist weltberühmt und es gibt kaum einen Aspekt seines Lebens, der nicht schon systematisch erforscht wurde - mit Ausnahme seines Vegetarismus. Der Umstand selbst ist bereits seit der Erscheinung von Jean Paul Richters Grundlagenwerk, The Literary Works of Leonardo da Vinci, im Jahr 1883 bekannt. Doch er wurde ignoriert, relativiert oder pathologisiert. Durch die stiefmütterliche Vernachlässigung des Themas sind der Welt zwei bedeutende Erkenntnisse entgangen:

  • 1. Im Laufe von Leonardos Welterkundung erfolgte ein radikaler tierethischer Paradigmenwechsel, in dem Leonardo das 1000 Jahre vorherrschende Bild von Tieren mittels einer von jeglicher Metaphysik freien Reflexion im müßigen Alleingang erstmals vollständig überwand.
  • 2. Am Ende seines komplexen ethischen Reifungs- bzw. Reflexionsprozesses verfasste er einen unmissverständlichen Appell für eine tierleidfreie Ernährung, welcher bis heute kaum Beachtung fand. Dabei steckte Leonardo in kein ethisch relevantes Thema mehr Herzblut als in dieses.

Siehe dazu meine Forschungsarbeit über Leonardos Vegetarismus, die im November 2019 unter dem Titel Paradigmenwechsel in der Tierethik. Das übergangene Kapitel in der Leonardo-Forschung in der Zeitschrift Tierethik (2019/2) in Printform erschienen und hier auf Vegenius online gestellt ist.

Auch das Wissen über den Vegetarismus bedeutender französischen Aufklärer, wie Rousseau, Diderot, Voltaire, Concordet etc., erweckte bis vor kurzem nicht das Interesse der Forschung und drang dementsprechend auch nicht ins allgemeine Bewusstsein.3

  • 3 Mehr zum Thema: Renan Larue (2015): Le végétarisme et ses ennemis, Paris. Presses Universitaires de France

Blinder Fleck in der Empathie

Als Knut, der Berliner Eisbär, am 19. März 2011 verstarb, war die allgemeine Betroffenheit so groß, dass sich führende Politiker veranlasst sahen, ihre Kondolenz zu übermitteln und sich führende Medien veranlasst sahen, darüber wochenlag zu berichten.

Als man etwa zeitnah eine sogenannte Notschlachtung von 20.000 Schweinen in einem deutschen Betrieb aufgrund einer drohenden Epidemie vornahm, erschien nur eine kurze Notiz in der Wirtschaftsrubrik der Zeitungen.

Die Wahrnehmung des in diesem Beispiel offensichtlich zu Tage tretenden empathischen blinden Flecks wird durch drei komplexe Denkschemen unterdrückt. Aufgrund ihrer gemeinsam entfalteten Wirkungsweise werden sie von der US-amerikanischen Sozialpsychologin Joy als das kognitive Trio bezeichnet. (Joy 2013, S. 131 ff.)

Das kognitive Trio sorgt dafür, dass die Wahrnehmung der unmittelbaren Leidensmomente der Nutztiere in die hinterste Ecke unseres Bewusstseins gedrückt werden kann. Das kognitive Trio besteht aus den drei folgenden Komponenten:

a) Die radikale Aufspaltung einer Kategorie und die gegensätzliche Belegung der Unterkategorien bezeichnet Joy als Dichotomisierung.

Das Heimtier-Nutztier-Paradigma hat für das Leben aller Tierarten eine existenzielle Bedeutung. Die Unterkategorie Nutztier ist die rechtliche und moralische Grundlage für die gesetzliche Legitimierung der systematischen Gewaltanwendung gegen jene Tiere, die in diese Gruppe fallen, während Tiere, die in die Kategorie der Heimtiere eingeordnet werden, zumindest in emotionaler Hinsicht oft den Status von Familienmitgliedern erhalten. (Wieweit die Haltung dadurch automatisch auch artgerecht ist, steht auf einem anderen Blatt.)

Eine weitere Dichotomie, die Tierleid legitimiert, ist das im Kapitel 1. des Leonardo Kommentars etwas näher beschriebene fundamentale Seelensplitting, mittels dessen die Seelen der Menschen zu unsterblich und die der Tiere zu sterblich erklärt wurden. Diese strikte Grenzziehung ist spätestens seit Augustinus, also seit ca. 1600 Jahren, ein bis heute gültiges Dogma des Christentums und liefert das Kernargument für die theologische Legitimierung der Gewaltanwendung gegen Tiere.

b) Die Entindividualisierung der Tiere hat zur Folge, dass die Einzelnen nur noch als Angehöriger einer bestimmten Gruppe (1.) wahrgenommen und (2.) behandelt werden. Ersteres verhindert die persönliche Identifikation und bewirkt so eine psychische Distanzierung. Das Zweite bedeutet für die Tiere Isolierung, Massenunterbringung und Rechtsverluste, bis hin zum Einbüßen des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit und aufs Leben.

Manchmal schafft es ein Tier vom Schlachthof auszureißen und bekommt große mediale Aufmerksamkeit. Dadurch wird seine Individualität sichtbar, was automatisch eine Welle der Solidarität und Sympathie in der Bevölkerung generiert. Allerdings ist das Aufflammen der Empathie meist nur von kurzer Dauer. Außerdem gilt sie nur dem einzelnen Tier und nicht seinen anonymen Leidensgenossen.

c) Verdinglichung der Nutztiere ist technisch gesehen der Verarbeitungsprozess selbst. Auf der mentalen Ebene ist Verdinglichung die vollständige Missachtung der subjektiven Wirklichkeit und Bedürfnisse von Tieren. In der Massentierhaltung findet also während des gesamten Lebenszyklus Verdinglichung statt.

Die mentale Verdinglichung von Tieren wird auch im allgemeinen Sprachgebrauch wiedergespiegelt: der Begriff Nutztier drückt die Priorität des Nutzens gegenüber dem Selbstzweck des tierischen Lebens aus. In Werbung und Produktdesign werden Produkte aus Tieren assoziativ verdinglicht, insofern das Endprodukt aus dem Entstehungskontext herausgehoben, quasi denaturalisiert wird. Dadurch soll die Reibungsfläche für Gedanken an die Leidensmomente möglichst gering bleiben. (Im Gegensatz z.B. zu Schreckensbildern auf Zigarettenschachteln, durch welche Leidensmomente ins Bewusstsein gerufen werden.)

Obwohl rechtlich gesehen Tiere in Deutschland laut § 90a S.1 BGB seit 1900 nach der Papierform keine Sachen mehr sind, darf man aus ihnen Sachen herstellen und ihnen, wenn vernünftige Gründe vorliegen, Schmerzen Leiden oder Schäden zufügen (Tierschutzgesetz §1 Satz 2).

Im Knut-Schweine-Gegensatz sind alle drei Mechanismen des kognitiven Trios präsent:

  • Dichotomisierung: Eisbär vs. Schwein
  • Entindividualisierung: ein prominenter Eisbär vs. 20.000 anonyme Schweine
  • Verdinglichung: chrufe, Grabmal, Skulptur für Knut vs. Schweine verbrannt und verscharrt, Erwähnung nur in den Wirtschaftsnachrichten

Von den zwanzigtausend Schweinen hatte jedes Einzelne ein weit tristeres Leben und ein weit schrecklicheres Ende als Knut. Doch mittels des kognitiven Trios entstehen zwei unterschiedliche Blickwinkel aufs Thema, durch welche die Empathie im Kontext der Nutztiere gänzlich ausgeschaltet wird. Dem letztendlich völlig unnötigen Leiden der Schweine wird keine Bedeutung beigemessen. Ihre Empfindungen erscheinen weniger real als die Empfindungen des Zoo-Eisbären.

Dieses selektive Wahrnehmungsmuster wurde uns quasi in die Wiege gelegt. Seine Aufrechthaltung verlangt, neben den bisher besprochenen Formen der Ausblendung der Leidensmomente und der Ausblendung manch störender Information, nach einer stichhaltigen Software der Rechtfertigung. Diese Software entpuppt sich jedoch bei näherem Hinsehen als eine perfekt getarnte Ideologie der Gewalt.


Der blinde Fleck in der Ideologiekritik

In ihrer bahnbrechenden Arbeit Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen? analysiert die US-amerikanische Sozialpsychologin Melanie Joy die allgemeine Rationalisierungs- und Rechtfertigungsformel, die eine Lebenspraxis moralisch zu legitimieren sucht, welche eine alltägliche Gewaltanwendung gegen bestimmte Tierarten in gigantischem Ausmaß impliziert. Ihre inzwischen berühmt gewordene und seitdem weiter erforschte Formel nannte Joy die 3 N-s:

normal, natürlich und notwendig (Joy 2013; S. 110)

Normal
In einer hypothetischen Situation werden die Besucher während eines Dinners mit der als schockierend empfundenen Tatsache konfrontiert werden, dass das Fleisch auf ihrem Teller vom Golden Retriever stammt. Den Verzehr einer Kuh dagegen empfinden die Besucher als völlig normal... Es sei denn, einer der Gäste ist ein Hindu.

- In das Beispiel können Menschen unterschiedlichster kultureller Prägung eingesetzt werden und je nach Speiseplan, würde jeweils ein Anderer hysterisch vom Tisch aufspringen.

Das Beispiel macht deutlich, dass es nicht nur eine Normalität gibt, sondern mehrere, die sich je nach kultureller Prägung fundamental widersprechen können. Die empfundene Normalität einer Praxis - z.B. die Verbrennung von Häretikern, Hexen oder schwarzen Katzen - ist noch lange kein Garantieschein für die Richtigkeit einer Handlung. Sie entbindet daher selbstverständlich auch nicht von einer ethischen Reflexion.

Natürlich
Das Attribut natürlich, ist vom Begriff Natur abgeleitet. Dementsprechend wirkt die Klassifizierung eines Phänomens als natürlich zunächst wie eine höhere Legitimation im Sinne eines Naturgesetzes. So gibt es auch andere historische Beispiele, in denen die vermeintliche Natürlichkeit oder Unnatürlichkeit einer Handlung, einer Sache, eines Menschen oder einer Gruppe zu einer existenziellen Frage wurde. Man denke z.B. an die natürliche Stellung der Frau in der Familie, an die natürliche Stellung der Leibeigenen in der Gesellschaft, an die natürliche Überlegenheit der arischen Rasse oder an die Entartete Kunst.

Sicher, die menschliche Ernährung unterliegt der Natur. Doch sie unterliegt mindestens genauso der Kultur, ein Begriff der als dialektischer Gegensatz zu Natur verstanden wird. Der Begriff Kultur hat sogar seinen Ursprung im Ernährungskontext: er geht auf das Wort cultura zurück, was lateinisch Bearbeitung, Pflege, Ackerbau bedeutet...

Die menschliche Ernährung fällt also in einen Grenzbereich zwischen Natur und Kultur. Sie unterliegt sowohl biologischer als auch kultureller Determination. Daraus ergeben sich zwei mögliche Interpretationen für das Wort natürlich:

1. Der Begriff natürlich wird als Synonym von normal verwendet. Der menschliche Verzehr von Tieren und tierischen Produkten wird in dem Fall in erster Linie als Teil der menschlichen Kultur begriffen. Doch allein das Empfinden von Normalität ersetzt, wie wir oben gesehen haben, keine ethische Selbstreflexion.

2. Der menschliche Verzehr von Tieren und tierischen Produkten wird der Biologie zugeordnet und als physiologisch unerlässlich eingeschätzt. In diesem Fall verwendet man das Attribut natürlich also als Synonym von notwendig:

Notwendig
Da die Empfindung von Normalität nicht automatisch die gewünschte ethische Legitimierung herstellt und das Attribut natürlich in normal und notwendig zerlegt wurde, ist es offensichtlich, dass die Frage der Notwendigkeit die eigentliche Gretchenfrage des Fleischessens bzw. der Tierausbeutung ist. (Die Rede ist selbstverständlich nicht von armutsbedingter sondern von physiologischer Notwendigkeit.)

Um Produkte aus Tieren ranken sich seit Jahrtausenden Mythen, die in modernem ("Milch ist gesund") oder weniger modernem ("ein Mann braucht Fleisch") Gewand bis heute virulent sind. Doch jenseits der meist unfruchtbaren Ernährungsdebatten steht eins zweifellos fest: selbst wenn jemand noch glaubt, dass für den schnellen Muskelaufbau kein Weg am tierischen Protein vorbeiführt, müsste er dem zustimmen, dass eine äquivalente tierleidfreie Proteinquelle erstrebenswert wäre. Anstelle der Frage, wie der schrittweise Übergang zur globalen pflanzlichen Ernährung ökonomisch und gesundheitlich optimal gestaltet werden sollte, geht es in den mit größter Inbrunst geführten Diskussionen immer noch um Eiweiß, Vitamin B 12, Eisen oder vegane Kinderernährung. Eine Aufklärung diesbezüglich ist von größter Wichtigkeit, doch dabei dürfte es längst nicht mehr um das ob, sondern um das wie gehen. Zahlreiche gesunde Veganer, Generationen von vegetarischen Brahmanen, Buddhisten und Jains und eine Fülle von Studien beweisen, dass der Mensch sich auch ohne Tierausbeutung gesund ernähren kann. In historischem Vergleich war das außerdem noch nie so leicht wie heute. Dennoch mampfen wir mehr tierische Produkte denn je.

Bei genauem Hinsehen löst sich also die Rationalität der drei N-s in nichts auf. Nach Joy handelt es sich bei den 3 N-s um ein gesellschaftlich tief verwurzeltes universelles Argumentationsschema, das seit jeher als Legitimierung von Systemen der Ausbeutung und Unterdrückung (z.B. Sklaverei und Patriarchat) verwendet wird. Je breiter die gesellschaftliche Akzeptanz der drei N-s ist, umso unschärfer wird die Wahrnehmung deren ideologischen Charakters.

„Wenn eine Ideologie fest etabliert ist, ist sie im Wesentlichen unsichtbar. /…/ Etablierte Ideologien bewahren ihre etablierte Stellung vor allem dadurch, dass sie unsichtbar bleiben.“ (S. 34 f.)

Das erklärt auch, warum das Fleischessen als neutral und die Ablehnung des Tötens seitens der Veganer und Vegetarier dagegen bis heute als ideologisch gilt:

„Es ist einfacher Ideologien zu erkennen, die vom Mainstream abweichen.“ (S. 35)

Die Wahrnehmung der ideologischen Komponente im Zusammenhang mit unserer Ernährung ist übrigens bereits fast hundert Jahre alt.

Basierend auf Joys Arbeit wurden in Australien und in den USA eine Reihe von Studien durchgeführt, denen zufolge die meisten Menschen ihren Fleischkonsum tatsächlich mit den 3 N-s begründeten, zu denen allerdings noch ein 4. N hinzukam: nice. Nice wurde ins Deutsche mit lecker übersetzt. Lecker ist im Gegensatz zum kognitiven Trio nicht rational falsifizierbar.

Fasst man also alles zusammen, so ist man mit einer Argumentation konfrontiert, welche die als normal empfundene Gewalt auf dem Teller letztendlich nur mit einer Geschmacksempfindung rechtfertigen kann. Dazu Joy:

„Ich bezeichne diese Ideologie als gewalttätige Ideologie, weil sie buchstäblich auf physischer Gewalt aufbaut.“ (S. 36)

Joy tauft die Ideologie, die das System der Gewalt gegen Tiere rechtfertigt, Karnismus (von lat. carne = Fleisch). Die Menschen, die an Karnismus glauben, halten es für normal, natürlich und notwendig, Tiere zu Nahrungszwecken zu töten. Weil für sie der Karnismus als Ideologie nicht erkennbar ist, werden ihre Glaubenssätze in der Überzeugung verinnerlicht, es handle sich um endgültige Gewissheiten.

Joy setzt in ihren Überlegungen stets voraus, dass der Mensch über eine natürliche Empathie verfügt, der es im Grunde widerspricht, leidensfähige Wesen leiden zu lassen. Paradoxerweise hindert genau das viele Menschen heute daran, sich mit dem Thema konsequent auseinanderzusetzen: für Viele ist es so schockierend sich über das Ausmaß des Elends und über ihre eigene Rolle darin ein objektives Bild zu machen, dass es für sie ein weit geringerer emotionaler Aufwand ist, die Realität zu verdrängen. Spricht man diese Menschen offen auf die empathische Inkonsequenz ihres Handelns an, fühlen sie sich schnell persönlich angegriffen und reagieren mit besonders heftiger Abwehr.


Der blinde Fleck im Geschichtsbewusstsein

Die systematische Erforschung der Geschichte der tierleidfreien Ernährung begann erst Anfang der 1930er Jahre im Auftrag des Deutschen Vegetarierbundes. In diesem Zusammenhang entstand Johannes Haussleiters Grundlagenwerk Vegetarismus in der Antike. In seiner mit bewundernswerter Akribie durchgeführten Arbeit, verfolgt Haussleiter jede erdenkliche Spur, die einen Hinweis auf die tierleidfreie Ernährung in der Antike liefern könnte. Haussleiters Forschung machte es offensichtlich, dass die tierleidfreie Ernährung in der Antike ein weit bedeutenderes Diskussionsthema war, als es heute noch gemeinhin angenommen wird - dabei ist die Erscheinung seines Buches fast schon hundert Jahre her. (Mehr über die Verbreitung der tierleidfreien Ernährung in der Antike erfahren sie im ersten Kapitel des Leonardo-Kommentars.)

Es ist über die einschlägigen Kreise hinaus ebenso wenig bekannt, dass die vielfältige und offen geführte, teils eher religiös, teils eher philosophisch inspirierte, tierethische Debatte der Antike mit der endgültigen Etablierung des Christentums im Römischen Reich gegen Ende des vierten Jahrhunderts abrupt abbrach, und, dass Vegetarier fortan als Ketzer verfolgt wurden. (Erster päpstlicher Bannfluch gegen Vegetarier im Jahr 400. / Denzinger 2014, S. 89, Lehrsatz Nr. 207)

Diese Perspektive ist deswegen bedeutungsvoll, weil sie die von Joy von empirischer Seite hauptsächlich durch Tiefeninterviews (mit Mitarbeitern von Schlachthöfen und Konsumenten) fundierte Karnismus-Theorie historisch untermauern kann. (Ausführliche Informationen über den historischen Konflikt zwischen Christentum und der tierleidfreien Ernährung erhalten Sie im ersten Kapitel des Leonardo-Kommentars.)


Fazit

Nahrungskette im Karnismus

Der Karnismus stilisiert den Menschen zum ewigen Raubtier und verzerrt seine Wahrnehmung der tristen Wirklichkeit der Tierausbeutung. Dies nützt unter dem Strich niemandem, außer einem sehr unzeitgemäßen Wirtschaftszweig, welcher die ökologische Zerstörung des Planeten aus Gründen der Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf Verluste mit voller Kraft vorantreibt.

Der blinde Fleck ließ sich in der Sozialisation, in der Selbstwahrnehmung, in der Fremdwahrnehmung, in der Empathie, in der Ideologiekritik und im Geschichtsbewusstsein nachweisen. Er ist das Produkt einer kollektiven Gefühls- und Gedankenzensur zur Vermeidung eines unerträglichen Konfliktes mit unserer Ernährungspraxis: auf der Ebene des Fühlens durch die Vermeidung der Konfrontation mit Leidensmomenten, und auf der Ebene des Denkens durch die Erweckung der Illusion bezüglich der Rationalität unseres Handelns.


Quellen:

  • Denzinger, H. u. Hünermann, P. (2014). Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchliche Lehrentscheidungen, Freiburg-Basel-Wien
  • Haussleiter, J. (1935): Der Vegetarismus in der Antike, Berlin
  • Kronauer U. (2017): Von der Grausamkeit gegen Tiere – in der französischen und deutschen Aufklärung. In: Deutsch, A. u. König, P.: Das Tier in der Rechtsgeschichte, Heidelberg
  • Melanie Joy (2013): Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen? Münster
  • Richter, J. P. (1883). The Literary Works of Leonardo Da Vinci, London

Zusammenfassung/Summary:

Im Jahr 1883 erschien Jean Paul Richters The Literary Works of Leonardo da Vinci. In seinem zweibändigen Grundlagenwerk der Leonardo-Forschung ordnete Richter dessen zerstreute Notizen und versah sie mit wertvollen Kommentaren. Obwohl der Fachwelt Leonardos Vegetarismus seit diesem Zeitpunkt bekannt ist, wurde das Thema bislang nicht erforscht.

Um die Tragweite Leonardos Vegetarismus zu verdeutlichen, beginnt meine Arbeit in Kapitel 1 mit einer groben Skizze der Geschichte der tierleidfreien Ernährung. In Kapitel 2 setze ich mich mit den Irrtümern in der bisherigen Rezeption des Themas auseinander, und in Kapitel 3 fahnde ich nach möglichen Inspirationsquellen für Leonardos Vegetarismus. Um Leonardos inneren Reifungsprozess nachvollziehen zu können, habe ich in Kapitel 4 relevante Zitate von Leonardo, die Tiere und Ernährung betreffen, chronologisch zusammengestellt und kommentiert. (25 weitere Zitate befinden sich aus Platzgründen in Anhang 5.) In Kapitel 5 gehe ich der Frage auf den Grund, welche Faktoren Leonardos tierethischen Perspektivenwechsel begünstigt haben könnten. Schließlich geht es in Kapitel 6 um den Stellenwert des Themas in Leonardos Denken.


A paradigm shift in animal ethics. An unexplored chapter of Leonardo’s research

In 1883 Jean Paul Richters published The Literary Works of Leonardo da Vinci. In the two volumes of this fundamental work on Leonardo’s research, Richter arranged collected notes and added valuable comments. Although the scientific community has known of Leonardo’s vegetarianism since then, this subject has not been further investigated.

To explore the significance of Leonardo’s vegetarianism, my work starts out with a rough sketch of the history of cruelty-free nutrition in chapter 1. In chapter 2, I discuss fallacies surrounding this subject, and in chapter 3, I search for possible inspirations behind Leonardo’s vegetarianism. I have collected relevant citations of Leonardo on animals and nutrition and arranged them chronologically to map his inner maturation process in chapter 4. (25 further citations are provided in appendix 5.) In chapter 5, I investigate which factors may have promoted Leonardo’s change in perspective with regard to animal ethics. Finally, chapter 6 deals with the significance of the subject in Leonardo’s thought.

Auf dem VII. Internationalen Demokratischen Friedens-Kongress in Würzburg im Jahr 1927 hielt der als Pazifist und vegetarischer Aktivist bekannte Magnus Swantje einen Vortrag, in dem er den Gedanken formulierte, dass die Ausbeutung der Tiere, die Unterdrückung der Schwarzen, Frauenfeindlichkeit und die Verachtung der Arbeiter durch denselben psychologischen Mechanismus unterstützt wird:

„Den meisten Menschen, besonders den Fleischessern, fällt es aber schwer, die Tiere unbefangen zu beurteilen, weil sie einsehen, daß sie, wenn sie ihnen die höheren seelischen Eigenschaften, besonders große Leidensfähigkeit, zuerkennen müssen, sie nicht in dem Maße ausbeuten dürfen, wie sie es heute tun. Gerade weil der Mensch durch die Ausbeutung der Tiere großen Nutzen empfängt, verachtet er sie. Die heutige Tier-Verachtung hat dieselbe Ursache wie die Unterschätzung der Arbeiter, der Frauen, der Neger und anderer unterdrückter und ausgebeuteter Menschen. Immer wenn die Menschen andere Menschen ausbeuten wollen, pflegen sie sich Ansichten über diese Menschen zu suggerieren, die ihnen die Ausbeutung erleichtern.“ (Swantje 1928; S. 10)

Quelle:
Magnus Swantje (1928): Ein am 7. September 1927 auf dem VII. Internationalen Demokratischen Friedens-Kongress in Würzburg gehaltener Vortrag, Berlin

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